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Bundesverdienstkreuz

am Bande für Zofia Posmysz     mehr...

Zofia Posmysz

Am 31. Juli 2012 um 18.30 fand in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim die feierliche Ehrung von Zofia Posmysz – einer Überlebenden des KL Auschwitz sowie Schriftstellerin und Radiojournalistin – mit der höchsten Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland statt – dem Bundesverdienstkreuz am Bande. Im Namen des Bundespräsidenten Joachim Gauck überreichte der Generalkonsul der BRD in Krakau, Dr. Heinz Peters, die Auszeichnung.

-Seit sieben Jahren trifft sich Frau Zofia Posmysz mit Gruppen von Jugendlichen, die im Rahmen von Studienreisen zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in Oświęcim zu Gast sind. Damit trägt sie als Auschwitzüberlebende zur Verbreitung des Wissens über den Holocaust über die Grenzen der Generationen hinaus sowie zur Völkerverständigung bei, die ohne das Bewusstsein über die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager unmöglich ist. Frau Posmysz nimmt außerdem an allen wichtigen von der Internationalen Jugendbegegnungsstätte organisierten Veranstaltungen teil und unterstützt damit die Einrichtung. Ihren Aktivitäten gebührt unsere tiefste Dankbarkeit – sagte Dr. Heinz Peters in seiner Ansprache.

Als sie sich für die Auszeichnung bedankte, verbarg Zofia Posmysz ihre Rührung nicht. – Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden, um auszudrücken, wie wichtig diese Auszeichnung für mich ist und was für eine besondere Aussage sie für mich hat. Als ich sie aus Ihren Händen – den Händen des Herrn Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland - entgegennahm, sah ich mich selbst dort drüben, auf der anderen Seite des Flusses Sola, auf diesem, wie ein altes Lagerlied besagt, „mit Draht umgebenen Stück Erde, auf dem die Menschen nur Nummern sind“, vor 70 Jahren. Konnte ich mir damals – n i c h t Zofia Posmysz, sondern „Häftling Nummer 5766“ – vorstellen, dass das jemals möglich wäre? Der Präsident der Bundesrepublik Deutschlands zeichnet mich dafür aus, dass ich jungen Europäern, zum großen Teil Deutschen, darüber berichte, was Auschwitz war? Das ist wirklich ein außergewöhnlicher Moment für mich und ich finde nur ein Wort, das einfachste von allen: danke – sagte sie.

Sie sprach auch über ihr Wirken im Zusammenhang mit der Überlieferung der Wahrheit über Auschwitz. – Ich danke dem Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland und möchte gleichzeitig auch denjenigen Kreisen der deutschen Gesellschaft meinen Dank aussprechen, die vor fünfzig Jahren die Organisation Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ins Leben gerufen haben. Dieses Haus, die Internationale Jugendbegegnungsstätte, ist das Werk dieser Institution und der zahlreichen mit ihr verbundenen Unterstützer. Wenn es diese Einrichtung nicht gäbe, hätten wir – ehemalige Häftlinge – dann überhaupt die Möglichkeit, den nachfolgenden Generationen von unseren Erlebnissen in Auschwitz zu berichten? Hierher kommen junge Menschen aus freien Stücken, sensibel, authentisch engagiert für die Vertiefung ihres Wissens über diese dunkle Seite der Geschichte – und das ist für uns sehr wertvoll, es bereichert unser Leben um die Hoffnung, dass die Generationen, denen die Zukunft gehört, durch das Wissen um Orte wie Auschwitz, immun gegen die Wirkung verbrecherischer Ideologien sein werden und in der Lage sein werden, sich ihnen zu widersetzen. Während ich diese ehrenvolle Auszeichnung, das Bundesverdienstkreuz, entgegennehme, denke ich an all die Menschen guten Willens, dank denen dieses außergewöhnliche Forum entstanden ist, sowie auch an all die herzlichen und mir nahestehenden hier arbeitenden Menschen, die dafür verantwortlich sind, dass dieses Haus, die Internationale Jugendbegegnungsstätte, auch unser Haus geworden ist – das Haus der ehemaligen Häftlinge. Noch einmal – ich danke allen sehr herzlich.

An den Feierlichkeiten, die auf ausdrücklichen Wunsch von Zofia Posmysz hin in der IJBS stattfanden, nahmen Angehörige sowie zahlreiche Freunde und Bekannte der Schriftstellerin aus Polen und Europa teil. Anwesend waren auch Vertreter der Einrichtungen, mit denen Frau Posmysz zusammenarbeitet. Ihre Glückwünsche sprachen u.a. Andrzej Kacorzyk, der stellvertretende Direktor des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, Pfarrer Manfred Deselaers vom Zentrum für Dialog und Gebet sowie die Abgeordnete des polnischen Parlaments Dorota Niedziela aus.

Einige Worte an Zofia Posmysz richtete auch der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees Christoph Heubner:
- Sehr verehrte, liebe Frau Posmysz, sehr herzlich möchten Ihnen die Auschwitz-Überlebenden im Internationalen Auschwitz Komitee in vielen Ländern zu der heutigen Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gratulieren: Sie werden geehrt - für Ihre schriftstellerische und pädagogische Arbeit, aber auch für Ihre menschliche, christliche Haltung, Ihren Mitmenschen und dem Leben gegenüber. Aber - und dies gilt umso mehr – auch die die Bundesrepublik Deutschland wird geehrt durch die Tatsache, dass Sie liebe Frau Posmysz, die so viel durch Deutsche erlitten hat und Ihre Mithäftlinge hat erleiden sehen, diese Ehrung annehmen – als Zeichen eines neuen Beginns. Gestatten Sie mir liebe Frau Zofia noch ein persönliches Wort: Ihre Stimme ist zart, aber klar und deutlich. Aus der Dunkelheit von Auschwitz fügen Sie mit unendlicher Geduld und nie erlöschender Hoffnung die Worte zusammen, die Ihnen die Bilder Ihrer Erinnerung und Ihres Herzen diktieren. Sie beschreiben die Menschen, Sie beschreiben uns. Damit wir wissen, wer wir sind und was auch uns geschehen kann: Du bist ein Mensch! Du musst dich entscheiden! Immer wieder, täglich, hier und heute. Es ist, liebe Frau Zofia, ein großes Geschenk, Sie zu kennen.

Ganz besonders herzliche Worte richtete Direktor Leszek Szuster an Zofia Posmysz und sprach damit im Namen aller Mitarbeiter der IJBS, die Frau Posmysz bereits seit Jahren als „Hausbewohnerin“ ansehen. Wie Direktor Szuster betonte, versteht er diese Auszeichnung auch als Ausdruck der Anerkennung für die Arbeit mit Zeitzeugen in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte. Die Veranstaltung wurde durch ein Konzert des Akkordeonisten Tomasz Drabina abgerundet.

Zofia Posmysz wurde am 23. August 1923 in Krakau geboren. Bei Kriegsausbruch war sie Schülerin einer Handelsschule. Die veränderten Umstände zwangen sie dazu, ihre Ausbildung für einige Zeit zu unterbrechen. Um die Deportation zur Zwangsarbeit ins Dritte Reich zu vermeiden, nahm sie eine Arbeit als Kellnerin in einem deutschen Kasino an, zu der sie vom deutschen Arbeitsamt beordert wurde. Bereits nach kurzer Zeit nahm sie auch ihre Schulbildung im Rahmen von illegalem Gruppenunterricht wieder auf. Durch die Mitglieder dieses Kurses kam sie mit der illegalen Untergrundpresse in Verbindung, die durch Bekannte verteilt wurde. Höchstwahrscheinlich wegen Denunzierung wurde die gesamte Gruppe am 15. April 1942 verhaftet. Nach sechswöchigem Aufenthalt im Gefängnis wurde Z. Posmysz am 30. Mai 1942 in den Frauenbereich des Stammlagers Auschwitz gebracht, wo sie jedoch nur für kurze Zeit verblieb. Einer Gefangenen, die bei der Säuberung der Ufer des Flusses Sola arbeitete, war die Flucht gelungen – im Rahmen der Repressionen wurde das gesamte Kommando von Zofia Posmysz, das 200 Personen zählte, zur Strafkompanie abkommandiert, die damals im Dorf Budy bei Oświęcim untergebracht war. Unter unmenschlichen Bedingungen, halb verhungert, ständig geschlagen und vor allem zu schwerer körperlicher Arbeit angetrieben, kämpften die Frauen verzweifelt um das Überleben. Nach zwei Monaten waren nur noch 143 Frauen am Leben. Diese Gruppe wurde nach Birkenau abkommandiert, wo das Frauenlager eingerichtet worden war. Nach vielen Jahren stellte Z. Posmysz diesen Teil der Lagergeschichte in ihrem Roman „Sängerin“ dar.

Birkenau war die nächste Etappe der Hölle des Lagerlebens. Sie begann für Z. Posmysz unter dramatischen Umständen: Typhuserkrankungen und blutiger Durchfall dezimierten die Zahl der Häftlinge in großem Ausmaß (siehe die Erzählung „Der selbe Doktor M.“). Aber bereits nach kurzer Zeit erfolgte eine unerwartete Wendung zum Besseren. Im März 1943 gelangte sie in die Lagerküche, und zwei Monate später wurde sie der Funktion der sog. „Schreiberin“ zugeteilt. Hier traf sie Tadeusz Paolone-Lisowski, der aus dem Männerlager geholt worden war, um ihr ihre neue Tätigkeit, das Führen der Buchhaltung, zu erklären. Über diese Begegnung schrieb sie u.a. in der Erzählung „Christus von Auschwitz“. Im Januar 1945 wurden aufgrund der sich nähernden Front tausende Häftlinge des KL Auschwitz ins Innere des Reiches getrieben. Diese sogenannten „Todesmärsche“ forderten eine selbst heute noch unbekannte Zahl an Opfern. Die weiblichen Häftlinge des Lagers Birkenau marschierten fast drei Tage und Nächte zu Fuß und wurden anschließend in offenen Waggons bei klirrender Kälte nach Ravensbrück deportiert. Hier, so erinnert sich Zofia Posmysz, erwartete die geschwächten Frauen die nächste Hölle: drei Wochen lang verbrachten sie in einer Art Zelt und mussten auf der nackten Erde schlafen. Die Befreiung durch die Alliierten erlebte Z. Posmysz am 2. Mai 1945 im Außenlager Neustadt-Glewe. Obwohl man sie zu überreden versuchte, in der von den Alliierten kontrollierten Zone zu bleiben, entschied sie sich für die Rückkehr nach Polen. Zusammen mit einer Gruppe von 20 Gefährtinnen brach sie zu einer Fußwanderung auf, die sie später im Stück „In die Freiheit, in den Tod, hin zum Leben“ verewigte, und erreichte Ende Mai Krakau. In ihrem Elternhaus traf sie lediglich ihre Mutter und ihren jüngeren Bruder an. Der Vater, ein Eisenbahner, starb im August 1943 im Kugelhagel eines deutschen Bahnschutzmanns. Dies erfuhr sie erst nach ihrer Rückkehr. Die ältere, bereits verheiratete Schwester lebte in Warschau. Zofia Posmysz zog zu ihr, um eine Arbeit aufzunehmen und ihre Ausbildung fortzusetzen. Das Abitur bestand sie im Jahr 1946 und nahm im Anschluss ein Polonistikstudium an der Universität Warschau auf. Ihre Pflichten als Studentin musste sie mit ihrer – hauptsächlich nachts ausgeführten – Arbeit als Korrektorin in einer Zeitungsredaktion unter einen Hut bringen. Gegen Ende ihres Studiums begann sie die Zusammenarbeit mit der literarischen Abteilung des Polnischen Radios.

Im Jahr 1959 schrieb sie das Hörspiel „Die Passagierin aus Kabine 45”, dass sich für ihre literarische Zukunft als entscheidend erweisen sollte. Die Resonanz auf das Werk war so groß, dass es schnell als Fernsehtheaterstück umgeschrieben wurde und der berühmte Regisseur Andrzej Munk sich zur Verfilmung der „Passagierin“ entschied. Der Film – mit der phänomenalen Darstellung der Liza durch Aleksandra Śląska – wurde bereits nach dem Tod des Regisseurs im Jahr 1963 erstaufgeführt. Ein Jahr zuvor erschien die „Passagierin“ in Romanform, und im Jahr 1968 komponierte Mieczysław Weinberg basierend auf dem Stück eine Oper zu einem Libretto von A. Miedwiediew. Die Weltpremiere der Oper auf dem Festival von Bregenz im Jahr 2010 wurde zu einem großen künstlerischen Ereignis und fundierte die Position der „Passagierin“ als eines der wichtigsten Werke zum Thema Konzentrationslager – insoweit außergewöhnlich und einmalig, dass es zwei üblicherweise strikt voneinander getrennte Perspektiven auf das Drama des Kriegs vereint – die des „Täters und des Opfers“.

Der Ruhm der „Passagierin” stellte andere ebenso wichtige Werke von Zofia Posmysz in gewisser Weise in den Schatten, wie z.B. die Romane „Ferien an der Adria“, „Mikroklima“ oder „Preis“, bereits erwähnte Erzählungen sowie zahlreiche Hörspiele, Drehbücher und Werke zu gegenwärtigen Themen. Die im Jahr 2008 veröffentlichte Erzählung „Christus von Auschwitz“, die eine der Episoden der „Passagierin“ näher beschreibt, stellt zweifellos eines der wichtigsten Elemente des Zeugnisses dar, das diese begnadete Schriftstellerin und außergewöhnliche Frau ablegt.

(bearb. von Janusz Toczek)

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