WEGE DER FREIHEIT

– AKADEMIE AN DER PERIPHERIE
25 JAHRE GUTE NACHBARSCHAFT - WIE GEHEN DEUTSCHLAND UND POLEN MIT DEN GEGENWÄRTIGEN HERAUSFORDERUNGEN UM
DEUTSCH-POLNISCHES SYMPOSIUM FÜR MULTIPLIKATOR_INNEN DER DEUTSCH-POLNISCHER BEGEGNUNGEN (FREIE AUSSCHREIBUNG)
Termin:
06.08.-12.08.2016, IJBS Oświęcim/Auschwitz und IJBS Krzyżowa/Kreisau
(Der Transport von Oświęcim nach Kreisau wird durch die Organisatoren bereitgestellt)
Organisation:
IJBS Oświęcim/Auschwitz, Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung
Info:
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25 JAHRE GUTER NACHBARSCHAFT – WIE GEHEN POLEN UND DEUTSCHLAND MIT DEN GEGENWÄRTIGEN HERAUSFORDERUNGEN UM

Zu diesem Thema hat in der Internationalen Jugendebegnungsstätte Oświęcim bereits zum vierten Mal das intergenerationelle Symposium „Wege der Freiheit – Akademie an der Peripherie“ stattgefunden, dessen Konzept gemeinsam von der Stiftung der IJBS Oświęcim und der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung erarbeitet wurde. Nach diesem Konzept sollen die „Wege der Freiheit“ eine regelmäßige deutsch-polnische und intergenerationelle Begegnung sein. Inhaltlich geht es dabei um die Wege von Freiheit und Unfreiheit im Europa des 20. und 21. Jahrhunderts.

Der 25. Jahrestag der Unterzeichnung des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland am 17. Juni 1991 nahmen die Teilnehmer_innen des Symposiums zum Anlass für eine vertiefte Analyse der deutsch-polnischen Beziehungen während dieses Vierteljahrhunderts - und einem Gedankenaustausch darüber, wie Deutschland und Polen mit den aktuellen Herausforderungen zu Recht kommen. Während der sieben Projekttage – zunächst in Oświęcim und dann in Krzyżowa, haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deutschland und Polen sich mit der Bedeutung des Vertrages auf politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Ebene auseinander gesetzt.

Das Symposium hat seinen Anfang in Oświęcim genommen und so konnte der schmerzhafteste Abschnitt der jüngsten deutsch – polnischen Geschichte – der Zweite Weltkrieg und seine Folgen – nicht als Thema ausgelassen werden. Alle Teilnehmer_innen äußerten übereinstimmend, dass der Besuch im Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau ein zentrales Element des Programms war – und Ausgangspunkt für alle weiteren Gespräche über die deutsch-polnischen Beziehungen. Vertieft wurde die Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Vernichtungslager bei einem Gespräch mit Jan Kapłon, Mitarbeiter des Museums in der Abteilung „Sammlungen”, der aus seiner eigenen, langjährigen Erfahrung viel zum Thema der Rollen von Gedenkstätten in den deutsch-polnischen Beziehungen beitragen konnte. Im einleitenden Impuls von Herrn Kapłon ging es um die ersten deutschen Studienfahrten aus Deutschland nach Auschwitz, das Engagement ehemaliger Häftlinge (insbesondere von Tadeusz Szymański) in der Arbeit mit deutschen Freiwilligen, die finanzielle Hilfe, die das Museum aus Deutschland erreicht und die aktuelle Zusammenarbeit des Museums mit deutschen Einrichtungen.

Ein wichtiger Aspekt in der Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen vor 1991 war die Entstehung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim, die von der deutschen Organisation Aktion Sühnezeichen Friedensdienste initiiert worden war. Diese Thema wurde bei einer Begegnung mit dem Direktor der IJBS, Leszek Szuster vertieft. Er brachte den Teilnehmer_innen die damalige politische Situation näher und ging auf Rolle und Aufgabengebiete der IJBS vor dem Hintergrund der nachbarschaftlichen Beziehungen beider Länder ein.

Die Diskussion über die aktuelle Rolle der IJBS, insbesondere im Bereich der pädagogischen Arbeit, war eine hervorragender Ausgangspunkt, um in die Analyse der aktuellen Herausforderungen einzusteigen, vor denen Deutschland und Polen stehen. Die an dem Projekt teilnehmenden Studierenden, Lehrer_innen, Verwaltungsbeamten und Geschäftsleute haben zunächst in Kleingruppen diese Herausforderungen definiert. Dabei waren sich alle einig, dass der seit Jahren intensiv geführte Kultur- und Jugendaustausch eine Stärke der Beziehungen zwischen beiden Ländern sei. Eine Veränderung in diesen Bereichen ist durch „Basisarbeit“ möglich geworden, Basisarbeit unter anderem von Institutionen wie der IJBS Oświęcim oder der Stiftung Kreisau und auch dank der Unterstützung durch die Regierungen beider Länder. Der Beitritt Polens in die Europäische Union hat aus Sicht der Teilnehmer_innen, dergestalt Früchte getragen, dass Standards angeglichen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit intensiviert wurde, wodurch sich die gesellschaftlichen Beziehungen in der Breite entwickeln konnten und sich auch bestimmte mentale Unterschiede zwischen Deutschen und Polen nivelliert haben. Dennoch bleibt aber noch viel zu tun. Als wichtigste aktuelle Herausforderung für beide Länder wurde der Komplex der Hilfe für Flüchtlinge angesehen. Ungelöst ist auch noch die Frage das Ungleichgewicht zwischen der Anzahl der Deutschlerner in Polen einerseits und der Polnischlerner in Deutschland andererseits. Dieses Thema ist später noch breiter bei einer Begegnung mit Rafał Bartek Thema gewesen, der Vorsitzender der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien ist. Dank der Vereinbarungen im Nachbarschaftsvertrag hat die deutsche Minderheit in Polen das Recht erhalten, Zugang zu Unterricht von Deutsch als Minderheitensprache zu erhalten und ist ständig darum bemüht, die Qualität der Sprachvermittlung zu verbessern. Der Vertrag ermöglichte der Minderheit auch Perspektiven einer politischen Beteiligung und so ist heute ein Vertreter der deutschen Minderheit Mitglied des Sejm der Republik Polen. Eine Priorität in der Arbeit der DMI ist die Erarbeitung von wissenschaftlichen, historischen Analysen über die deutsche Minderheit in Polen nach dem Jahr 1945.

Auf Einladung des Generalkonsuls der Bundesrepublik Deutschland in Krakau hatten die Teilnehmer_innen des Symposiums die Gelegenheit, sich mit dem ehemaligen Innenminister Polens, Jerzy Miller zu treffen. Dieser vermittelte spannende Eindrücke aus seinen Erfahrungen aus 25 Jahren politischer Arbeit auf Woiwodschafts – und Landesebene, während derer er in verschiedenen Kontexten engen Kontakt mit Deutschland hatte. Miller betonte mehrfach, wie wichtig aus seiner Sicht gute nachbarschaftliche Beziehungen sind und nannte eine ganze Reihe von Fällen, in denen Deutschland Polen geholfen hatte. Mit einer Analyse der deutsch-polnischen Beziehungen, die ihren Ausgangspunkt beim Brief der polnischen Bischöfe aus dem Jahr 1965 nahm und über den Besuch Willy Brandts in Polen 1970 bis zu den in den 80er Jahren geschickten Päckchen mit materieller Hilfe reichte, dabei auch die Unterstützung der Arbeit der polnischen Opposition während der Zeit des verhängten Kriegsrechts und die Aufnahme tausender Polen in Deutschland, die in den 80er Jahren ihre Heimat verlassen hatten bis hin zur Versöhnungsmesse 1989 mit der denkwürdigen Umarmung zwischen Kohl und Mazowiecki – vermittelte er seinen Zuhörer_innen, einen wie großen Einfluss auf die gegenseitigen Beziehungen guter Wille und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit haben. Nicht viel anders war es nach seiner Darstellung in den vergangenen 25 Jahren, während derer die Deutschen Polen vielfach unterstützt hätten, sei es während des Jahrhunderthochwassers 1997 oder bei den Verhandlungen zum Beitritt in die Europäische Union. Die Deutschen haben die historische Gelegenheit, ihre Autorität in den Augen der Polen wieder aufzubauen, perfekt genutzt – so Jerzy Miller – Sie haben uns geholfen ein neues Polen aufzubauen indem sie uns Lehrer, Reiseführer, Anwalt, Partner und Investor waren. Jetzt steht Europa vor schwierigen Herausforderung. Wir sollten den Deutschen beim Aufbau eines stärkeren Europas helfen.

Jerzy Miller sprach auch das Thema der Flüchtlinge und der polnischen Verpflichtungen an, die das Land als Mitglied der EU hat, auch sprach er von Polen als einem Volk, aus dem seit Jahrhunderten immer wieder Menschen emigriert sind und Schutz oder ein besseres Leben in anderen Ländern gesucht haben. Haben wir Polen, die wir selber emigrieren, das Recht für Immigranten unsere Grenzen zu schließen? Wir haben das Recht Angst zu haben aber wir dürfen uns nicht vor denen verschließen, die Hilfe brauchen.

Die Unterzeichnung des Vertrags 1991 öffnete den Weg zur Gründung vieler deutscher Einrichtungen in Polen, unter anderem das Generalkonsulat in Krakau. Generalkonsul Dr. Werner Köhler, der Polen demnächst wieder verlassen wird, brachte den Teilnehmer_innen die Rolle und die Aufgaben eines Konsulats näher und gab auch Informationen zu anderen deutsche Einrichtungen in Krakau.

Den Themenblock rund um die Perspektiven der guten Nachbarschaft beschloss Dr. Monika Sus mit ihrem Vortrag, der – dies geschah dann bereits in den Räumlichkeiten der Stiftung Kreisau - den Perspektiven einer guten Nachbarschaft von Deutschen und Polen gewidmet war.

An die deutsche Geschichte Niederschlesiens knüpfte Rainer Sachs mit seiner Stadtführung an. Der Mitarbeiter der Kulturabteilung des deutschen Generalkonsulats in Breslau führte die Teilnehmer_innen auf den Spuren deutscher und polnischer Kultur durch das Zentrum Breslaus, wobei er die vielschichtigen deutsch-polnischen Beziehungen in Niederschlesien auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene – vor und nach 1945 – aufschlüsselte.

Eine besonders interessante Erfahrung war für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch die Begegnung mit Marek Stanielewicz, Grafiker und Dozent an der Kunsthochschule in Breslau, die am ehemaligen Straßenbahndepot in der Grabiszynska Straße stattfand, dem Ort, wo am 26. August 1980 die Solidarność Streiks in Breslau begannen. An dieser Stelle wurde die Breslauer Solidarność geboren aber diese Stelle war es auch, wo sich die Identität des heutigen Breslaus zu entwickeln begann. Heute befindet im ehemaligen Straßenbahndepot eine Ausstellung, die die Nachkriegsgeschichte Breslaus und ganz Niederschlesiens unter besonderer Berücksichtigung der Jahre der Solidarność zum Thema hat.

Das Projekt „Wege der Freiheit“ endete in diesem Jahr auf der Anlage der Stiftung Kreisau, die selbst ein Symbol der deutsch-polnischen Versöhnung ist. Hier reichten sich am 12. November 1989 der erste nichtkommunistische Premier Polens nach 1945 – Tadeusz Mazowiecki – und der damalige Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Kohl während der Versöhnungsmesse den Friedensgruß, was zum Symbolbild des Abschlusses des tragischsten Kapitels der deutsch-polnischen Beziehungen wurde.

Nach Einschätzung der Teilnehmer_innen hat das Projekt ihnen nicht nur neue Informationen und Möglichkeiten für interessante Begegnungen an spannenden Orten ermöglicht, sondern sie auch inspiriert in Zukunft selbst noch stärker aktiv zu werden.

Ich denke, dass solche Projekte wichtig sind. Mir selber gibt die Teilnahme neue Energie um selber aktiv zu sein. Die Teilnahme an diesem Symposium, den „Wegen der Freiheit“, hat in meinem Kopf einige Ideen reifen lassen, von denen ich hoffe, dass ich sie in Zukunft werde umsetzen können.

Die Begegnung mit Jerzy Miller in Krakau war faszinierend aufgrund seines großen Wissens auch sehr bereichernd, gleiches gilt für die Stadtführung in Breslau. Sehr interessant war der Besuch des Straßenbahndepots so kurz vor der offiziellen Eröffnung. Es ist eine seltene Gelegenheit, eine Ausstellung während ihrer Entstehung zu sehen.

Die deutsch-polnischen Begegnungen und Gespräche haben mich mehr von der aktuellen politischen Situation beider Länder verstehen lassen.

Das Projekt konnte dank der Unterstützung durch die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit durchgeführt werden. Organisiert wurde es von der Stiftung für die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oswiecim, die Kreisau Initiative e.V. und die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung. Unterstützung gewährten darüber hinaus die deutschen Generalonsulate in Krakau und Breslau.

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Text: Dominik Kretschmann
Fotos: Olga Onyszkiewicz, Dominik Kretschmann

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