SINTI UND ROMA IN EUROPA

– IDENTITÄT; GESCHICHTE; ERINNERUNG
DEUTSCH-POLNISCHES SEMINAR FÜR JUGENDLICHE
Termin:
28.07.-03.08.2016, IJBS Oświęcim/Auschwitz
Organisation:
IJBS Oświęcim/Auschwitz, Stiftung Dialog-Pheniben, Alternatives Jugendzentrum Dessau, Verein Kopalnia Kultury in Bytom
Info:
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Sinti und Roma in Europa - Identität, Geschichte, Erinnerung

Früher Synonym der Freiheit, Unabhängigkeit und Verbindung mit der Natur, heute als Diebe, Lügner und Bettler wahrgenommen. Sinti und Roma sind eine der meist unterschätzten und nicht verstandenen ethnischen Gruppen. Durch die Nazi-Ideologie als Untermenschen definiert (die Zahl der ermordeten Roma im Holocaust beträgt etwa 500.000), heute schikaniert und mit dem Finger angezeigt. Was hat den Menschen, die mal wie Vögel gelebt haben, die Flügel abgeschnitten? Die zehnköpfige Gruppe von deutschen und polnischen Jugendlichen beschloss während der vierten Auflage des Seminars „Sinti und Roma – Identität, Geschichte, Erinnerung” (28.07.-03.08.2016) auf die Frage Antwort zu finden. Das Seminar wurde von der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz, dem Alternativen Jugendzentrum Dessau und der Stiftung Dialog Pheniben organisiert.

Der erste Seminartag begann mit der Vorstellung der Teilnehmer_Innen, der Organisator_Innen, des Programms unserer Begegnung und der Erwartungen als auch Befürchtungen, die mit der gemeinsamen Arbeit verbunden waren. Der nächste Programmpunkt war eine Neuigkeit, die in diesem Jahr ins Programm einfloss – die Einführung in die Arbeit an der Dokumentation mit der Methode simple show. Die Seminargruppe wurde in zwei Teams aufgeteilt, die die ganze Woche lang, jeden Tag, anhand der neu gewonnen Informationen und Erfahrungen zwei Filme erstellen sollte, zwei Themen gewidmet: „Vernichtung der Sinti und Roma“ und „Kultur und Geschichte der Sinti und Roma vor dem II Weltkrieg“. Den ersten Tag beendeten wir mit dem Rundgang in der Stadt Oświęcim unter Leitung des Freiwilligen aus Österreich. Wir haben dabei sowohl das historische als auch das gegenwärtige Bild der Stadt mit über 800 Jahre Geschichte kennengelernt.

Der nächste Tag war der tiefgründigen Recherche, wie die Roma Gemeinschaft funktioniert, gewidmet. Wir nahmen an dem Vortrag von Agnieszka Caban (Stiftung Dialog Pheniben) teil – sie ist Dozentin in der Kulturantrophologie und beschäftigt sich seit Jahren mit Initiativen, zum Zweck der Vorbeugung und Bekämpfung des Hasses der Roma Nation gegenüber. Wir haben mit der Einwanderung der Roma nach Europa angefangen, dann erfuhren wir über die Kultur und die Gegenwartssituation dieser Minderheit in Polen. Unsere Begegnung schloss die Diskussion über unsere bisherigen persönlichen Kontakte mit der Roma Gemeinschaft in unseren Heimatstädten. Dann begaben wir uns in das Zentrum der Roma in Polen. Der erste Teil der Ausstellung „Roma. Geschichte und Kultur“ ist der Herkunft und der Migration der Roma und Sinti gewidmet, der zweite Teil stellt die Eigentümlichkeit und Individualität der Roma Nation dar – auf diesen Ausstellungstaffeln konnten wir viele Bilder zur Darstellung der traditionellen Roma Familien und Roma Berufen sehen (laut Romanipen – dem ungeschriebenen Kodex der Rechte und Regeln) sowie Werke der Künstler, die von der Schönheit der Roma Frauen und der Freiheit der ziehenden Wanderwagen inspiriert waren. Der dritte Teil der Ausstellung wird den Roma Opfern vom Holocaust gewidmet.

Am Abend nahmen wir an dem Workshop teil – wir lernten die Biographien der ausgewählten Opfer vom Roma Holocaust kennen: Edward Paczkowski, Franz Rosenbach und Wald-Frieda Weiss und schauten uns den Film „Was geschah mit Unku. Das kurze Leben von Erna Lauenburger“ an.

Am Seminarwochenende versuchten wir uns mit dem wahrscheinlich schwierigsten Teil unseres Programms – der Erkundung des Geländes des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz I und Auschwitz II-Birkenau zu konfrontieren. Es war von besonderer Bedeutung vor allem für die Teilnehmer_Innen, die diese Gedenkstätte zum ersten Mal im Leben besichtigt haben. Die besondere Aufmerksamkeit lenkten wir dann der Ausstellung im Block 13, die der Vernichtung von Sinti und Roma und dem „Zigeunerfamilienlager” gewidmet ist – dieses Lagergelände begingen wir indem wir die von uns ausgewählten Zitate aus den Berichten und Erinnerungen der Überlebenden vorgesprochen haben. Auf die Art und Weise erfuhren wir über die dort an den Häftlingen angewendeten Strafen, die Situation der Kinder im Lager und die verbrecherischen Experimente des „Todesengels”, des SS-Arztes Josef Mengele. Zwischen beiden Führungen gab es noch den Workshop zum Problem der „Hasssprache“ besonders gegen Roma und Sinti, den der Verein INTERKULTURALNI PL organisiert hat. Besonders interessant in unserem Seminar waren die gemeinsamen, internationalen Reflexionen, wo jede/r Teilnehmer_in über die eigenen Gedanken und Gefühle reden konnte.

Am vorletzten Tag unseres Seminars trafen wir uns mit der Roma Überlebenden, Frau Krystyna Gil, die der Massaker am Friedhof in Szczurowa entronnen ist. Frau Krystyna ist die letzte lebende Person, die den Pogrom an Roma Anfang Juli 1943 überlebt hat. Als sechsjähriges Kind war sie Zeugin der Erschießung von 42 Mitgliedern ihrer Familie. Mit großer Ergriffenheit hörten wir den persönlichen Erlebnissen von Frau Krystyna zu. Wir haben sowohl über den Pogrom als auch über die Nachkriegszeit und den Alltag heute geredet, über das familiäre Leben und den Kampf gegen die Diskriminierung der Roma Nation.

Der 2. August ist ein besonderer Tag, an dem Tag begehen wir den Internationalen Gedenktag an die Vernichtung der Roma. Wir hatten die Möglichkeit gehabt, an der Gedenkzeremonie zur Liquidierung des „Zigeunerlagers” in Auschwitz II - Birkenau teilzunehmen. Die musikalische Begleitung sicherte die Roma Gruppe aus Ungarn. Außer der Roma Gemeinschaft und den internationalen Delegationen nahmen an der Zeremonie auch viele Vertreter der Politik teil: vom ungarischen Parlament László Teleki, der österreichische Politiker Christian Illedits und der wichtigste Redner, der Überlebende Raymond Gureme. Nach der Kranzniederlegung am Denkmal kamen wir mit allen Gästen in die IJBS zurück, wo wir unter anderem an der Eröffnung der Ausstellung des jungen Roma Künstlers Krzysztof Gil teilnahmen. Obwohl der Künstler persönlich nicht da sein konnte, sprachen seine Kunstwerke für sich. Den letzten Abend verbrachten wir im Garten des Vereines der Roma in Polen, wo wir bei dem gemeinsamen Essen und Musik mindestens ein Stückchen des buntes Roma Lebens erfahren konnten.
Während des einwöchigen Seminars haben wir ein gutes Stück neues Wissens erworben und auch viele Inspirationen zum Handeln gegen jegliche Diskriminierung eines anderen Menschen, unabhängig von seiner Herkunft.

Alle Begegnungen, Vorträge und Workshops ermöglichten uns unterschiedliche Denkmuster kennenzulernen sowie wie man gegen die Stereotypen kämpfen kann. Wir sind zum Kampf gegen die Diskriminierung, Rassismus und Gewalt, denen zum Opfer viele Sinti und Roma in ganz Europa fallen, bereit.

Als Motto gelten für uns die Worte des früher erwähnten Raymond Gureme:

„Wir, die alte Generation haben eine Flamme angezündet. Jetzt ist es eure Aufgabe, diese Flamme aufzubewahren und zu bewirken, dass diese Flamme immer heller brennt, damit wir immer stärker sind. Steht auf, ihr Jungen! Und bleibt stolz stehen, immer!”

Karolina Kolano, Ruda Śląska,
Teilnehmerin der vierten Auflage des Seminars „Sinti und Roma in Europa - Identität, Geschichte, Erinnerung” 2016

Seminarkoordination: Elżbieta Pasternak/IJBS Oświęcim/Auschwitz, Jana Müller/AJZ Dessau, Joanna Talewicz-Kwiatkowska/Stiftung Dialog Pheniben

Das Seminar wurde vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk im Rahmen des Förderprogramms „Wege der Erinnerung” und Förderverein für die IJBS Oświęcim/Auschwitz finanziert.

Hotel Services

Zur Verfügung unserer Gäste stehen drei großzügig angelegte Wohnpavillons mit 100 Übernachtungsplätzen in Zwei-, Drei-, Vier- und Fünfbettzimmern.

Mehr