ERINNERUNGSKULTUREN

ZU DEM 2. WELTKRIEG UND DEM HOLOCAUST: POLEN, BELARUS, DEUTSCHLAND
DEUTSCH-POLNISCH-BELARUSISCHES SEMINAR FÜR STUDIERENDE
Termin:
2. Teil: 07.05.-12.05.2018, Minsk/Belarus
3. Teil: 15.10.-20.10.2018, München und Dachau/Deutschland
Organisation:
IJBS Oświęcim/Auschwitz, Geschichtswerkstatt Leonid Levin der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte J. Rau, Minsk/Belarus, Bayerischer Jugendring, München/Deutschland, Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e.V., Berlin/Deutschland, Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte und Public History, LMU München/Deutschland, Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte, FU Berlin/Deutschland, Katedra Studiów Interkulturowych Europy Środkowo-Wschodniej, Uniwersytet Warszawski/Polen
Koordination:
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Erinnerungskulturen an den 2. Weltkrieg und den Holocaust: Polen, Belarus, Deutschland – Zusammenfassung des Seminars in Minsk, 7-12.05.2018

Seit dem Ende des Kalten Krieges und der Öffnung der Archive im Rahmen der europäischen Erinnerungsgemeinschaften verstärken sich die Asymmetrien und Grenzen. Wie kann man sie überwinden und aus einer geteilten europäischen Erinnerung eine integrierende und gemeinsame Erinnerungskultur bilden? Dreißig Student*innen aus Polen, Belarus und Deutschland begegneten sich zum zweiten Mal in Minsk im Rahmen des Projektes Erinnerungskulturen an den 2. Weltkrieg und den Holocaust: Polen, Belarus, Deutschland (das erste Seminar fand in der IJBS Oświęcim/Auschwitz/Polen von 10. bis16.12.2017 statt).

Belarus, so wie die meisten Länder der ehemaligen Sowjetunion, durchläuft nach wie vor einen schwierigen Prozess vom Bruch mit der Tradition der sowjetischen Geschichtsschreibung bis hin zur Reflexion und Einbeziehung seiner Vergangenheit, sowohl in den europäischen, als auch globalen Kontext. Charakteristische Beispiele für die Wahrung der historischen Erinnerung und deren gleichzeitigen, allmählichen Wandlungsprozess sind das Minsker Ghetto und das Vernichtungslager Trostenez, die in Europa immer noch als Orte des Massenmordes an den Juden, einschließlich derer, die aus Deutschland, Tschechien und Österreich deportiert wurden, wenig bekannt sind. Die Semi-nargruppe erforschte diesen Themenkomplex, indem sie die Erinnerungsorte besuchte und mit den Zeitzeugen sprach.

Das ehemalige Lager Malyj Trostenez liegt etwa 10 km östlich von Minsk und fungierte am Anfang als Lager für sowjetische Kriegsgefangene, dann als Zwangsarbeitsarbeitslager und im April 1942 wurde es von Deutschen in ein Vernichtungslager umgewandelt. Die Juden wurden gewöhnlich in die nahgelegenen Waldstücke Bagowschtschina und Schaschkowka (russ. Błagowszczina i Szaszkowka) gebracht und dort erschossen. Vor der Erschießung wurden die Opfer gezwungen, sich auszuziehen. Dann wurden sie an die vorher vorbereiteten Gruben geführt und durch Genickschuss ermordet. Ab Juni 1942 im Rahmen der in Malyj Trostenez geführten Vernichtungsaktion haben die Deutschen auch mobile Gaswagen verwendet. 1943 begannen die Deutschen, die Spuren der Massenvernichtung zu beseitigen. Diese Aufgabe übernahm das sog. Sonderkommando 1005. Innerhalb von ein paar Wochen wurden die am Waldstück Bagowschtschina und Schaschkowka begrabenen Leichen exhumiert und verbrannt – es wurden 34 Massengräber freigelegt. Am 3. Juli 1944 wurde Malyj Trostenez von der Roten Armee befreit. Die größte Opfergruppe des Lagers wa-ren Juden aus dem Ghetto Minsk und die aus Deutschland, Österreich und Tschechen und aus anderen europäischen Ländern deportierten Juden. Es wurden hier auch einheimische Partisanen, Mitglieder der Widerstandsbewegung und die sog. Geisel ermordet. Die Angabe der Opferzahlen unterscheidet sich sehr je nach den Quellen. Das Institut Yad Vashem schätzt, dass dort etwa 65 Tausend Menschen umgekommen ist. 1963, nicht weit vom Dorf Bolschoj Trostenez, bei der Straße Richtung Mogilew, wurde ein Dutzend Meter hohes Denkmal zum Gedenken an die Opfer errichtet. Heutzutage wird die Erinnerung in dem Erinnerungspark Trostenez (belaruss. Memoryjalny Park Trascjaniec) gepflegt. Am 3. Juli 2018 ist die Eröffnung des neuen Erinnerungskomplexes zum Ge-denken an alle Opfer von Trostenez geplant.

Als wir einen Spaziergang auf dem Gelände des ehemaligen Ghettos in Minsk gemacht ha-ben (das Ghetto existierte von Juli 1941 bis Oktober 1943 um umfasste etwa 2 km²) hielten wir an vielen Denkmälern an, die an das Schicksal der dort gefangenen Juden erinnerten. An dem Tag des Sieges, der in Belarus am 9. Mai begangen wird, nahmen wir an der Erinnerungszeremonie bei Jama (deut. Grube) teil. Das Denkmal ist den Opfern des Pogroms am 2. März 1942 gewidmet. Es steht dort der sog. Schwarze Obelisk, der als das älteste Denkmal für die Opfer der Vernichtung in dem ehemaligen Sowjetunion anerkannt ist. 2000 wurde dort ein neues Denkmal eingeweiht, ohne den Schwarzen Obelisk zu beseitigen. Der mit dem Ausbau beauftragte Künstler war Leonid Lewin – ein hervorragender belarussischer Architekt, Vorsitzender des Vereines der jüdischen Organisationen und Gemeinden in Belarus. Die Skulptur besteht aus einer stilisierten Menora und der aus Bronze angefertigten Figurengruppe Der letze Weg, die sich an den heutigen Treppen befinden, die in die Jama (Grube) führen. Die Komposition stellt 27 menschliche Gestalten dar, die die Treppe heruntergehen, u.a. einen alten Mann, eine Mutter mit einem Kind, ein Mädchen und einen Jungen mit einer Geige. Gemäß den Geboten des Judaismus ist keine von den Gestalten eine realistische Darstellung eines Menschen. Die Skulptur konzipierte die bekannte slowakische Bildhauerin Elza Pollack, die in Auschwitz inhaftiert war, und der Bronzeabguss wurde von Aleksander Finski ange-fertigt. Bei dem Jama Denkmal befindet sich auch die Allee der Gerechten unter den Völkern der Welt. Es wachsen hier symbolische Bäume, die den Belarussen gewidmet sind, die das eigene Le-bens riskiert haben, um jüdische Personen zu retten.

Die Workshops zur Erinnerungskultur in Belarus, im Vergleich mit Deutschland und Polen, fanden in der Geschichtswerkstatt namens Leonid Lewin statt, die bei der der Internationalen Bil-dungs- und Begegnungsstätte J. Rau in Minsk (IBB Minsk) 2003 eröffnet wurde. Die Seminarteil-nehmer*innen hörten einem Vortrag zu Theorie und Praxis der Oral History zu, der von der Leiterin der Geschichtswerkstatt, Dr. Iryna Kashtalian, präsentiert wurde, nahmen an den Gesprächen mit den Zeitzeugen Barys Papou (geb. 1922), Jakau Krauczyński (geb. 1935) und Elwira Simakowa (geb. 1926) teil, schauten sich den Dokumentarfilm Ja, Andrei Iwanowitsch (Regie. Hannes Farlock, Sinie Gory, Prod. 2018) an und hörten der Präsentation der belarussischen Gruppe zu verschiedenen Aspekten der Erinnerungskultur zum 2. Weltkrieg und dem Holocaust in Belarus zu.

Unsere Seminargruppe unternahm auch einen eintägigen Ausflug nach Novogrudok, wo wir das Museum des Jüdischen Wiederstandes, sowie das Operationsgebiet der bekannten jüdischen Partisanengruppe der Gebrüder Bielski besucht haben. Zum Schluss des Programms besichtigten wir noch die Ausstellung in dem Museum des Großen Vaterländischen Krieges.

Bereichert um neues Wissen und Erfahrungen und erfüllt mit positiven Erinnerungen warten wir auf unsere nächste Begegnung. Schon im Oktober fahren wir nach München und Dachau, wo unser deutscher Projektpartner Bayrischer Jugendring (BJR) und die Studierenden aus Deutschland uns in die Thematik der Erinnerungskultur an den 2. Weltkrieg und den Holocaust aus der deutschen Perspektive einführen werden.

Die Projektpartner sind: Geschichtswerkstatt Leonid Levin der Internationalen Bildungs- und Be-gegnungsstätte J. Rau in Minsk/Belarus, Bayerischer Jugendring in München/Deutschland, Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e.V. in Berlin/Deutschland, Lehrstuhl für Internatio-nale Studien von Mittel- und Osteuropa, Universität Warschau/Polen, Wissenschaftlicher Kreis „Eu-rasien“, Jagiellonen Universität Krakau/Polen, Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte und Public History, LMU München/Deutschland, Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte, FU Ber-lin/Deutschland.

Das Seminar wird aus den Mitteln des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW), der Stiftung für das Gedenken an die Opfer des KL Auschwitz-Birkenau in Oświęcim und FIJA – Förderverein für die IJBS Oświęcim/Auschwitz finanziert.

Koordination des Projektes: Elżbieta Pasternak

Erinnerungskulturen an den 2. Weltkrieg und den Holocaust: Polen, Belarus, Deutschland – Zusammenfassung des Seminars in München und Dachau, 15-20.10.2018

Seit dem Ende des Kalten Krieges und der Öffnung der Archive im Rahmen der europäischen Erinnerungsgemeinschaften verstärken sich die Asymmetrien und Grenzen. Wie kann man diese überwinden und aus einer geteilten europäischen Erinnerung eine integrierende und gemeinsame Erinnerungskultur bilden? Dreißig Studierende aus Polen, Belarus und Deutschland begegneten sich zum dritten Mal in München und Dachau im Rahmen des Projektes Erinnerungskulturen an den 2. Weltkrieg und den Holocaust: Polen, Belarus, Deutschland (das erste Seminar fand vom 10.-16.12.2017 in der IJBS Oświęcim/Auschwitz/Polen statt und das zweite Seminar vom 7. – 12.05.2018 in der Geschichtswerkstatt Minsk/Belarus).

Während des Seminars in Deutschland beschäftigten wir uns intensiv mit der Täterseite als auch mit den frühen Verfolgungen von Andersdenkenden im III Reich. Das Programm begannen wir mit der Erforschung der Erinnerungslandschaft in München. Die Studierenden nahmen in den internationalen Kleingruppen an der Fotostadtrallye Hauptstadt der Bewegung teil und besichtigten im Anschluss unter Betreuung der Guides das NS-Dokumentationszentrum, welches 70 Jahren nach der Niederlage des NS-Regimes an dem Ort der damaligen NSDAP-Zentrale in München eröffnet wurde. Unter anderem beschäftigt sich das Dokumentationszentrum mit der Aufklärung der Frage, warum die Hauptstadt von Bayern zur Hauptstadt der NS-Ideologie geworden ist. Es steht am Königsplatz, wo am 10. Mai 1939 die deutschen Student*innen und Professor*innen literarische Werke von Autoren, die nicht im Sinne des NS-Regimes waren, verbrannten. Insbesondere waren Werke von Autor*innen jüdischer Herkunft und marxistischen Ansichten betroffen. Auf dem Königsplatz befand sich das Gebäude des Führerbaus, wo 1938 das München Abkommen unterzeichnet wurde sowie die Zentrale der NSDAP, das sog. Braune Haus, welches im Krieg geschädigt wurde. Nach dem Abriss der Überreste erinnerte nur eine Gedenktafel an die historische Bedeutung dieses Ortes. 2012 wurde dort ein Grundstein zum Bau des NS-Dokumentationszentrums gelegt. Etwa 20 Jahre lang dauerte der Streit um die Realisierung des Vorhabens in München.

Anschließend fuhren die Seminarteilnehmer*innen in das Max-Mannheimer-Bildungszentrum in Dachau, wo sie sich unter der Leitung der Pädagogen zum Besuch der Gedenkstätte Dachau vorbereitet haben. Den ersten Vortrag zum Thema Terror und Bürokratie. Die Polizei im Nationalsozialismus hielt Ingolf Seidel. Dann analysierten die Studierenden in den internationalen Gruppen die Biographien der Polizisten von der Gestapostelle in Berlin (Willi Rothe, Herbert Titze, Max Grautstück, Otto Bovensiepen und Dr. Kurt Venter) sowie deren Aussagen vom Prozess, der in Westberlin 1963 stattfand. Sie waren für die Deportation der Juden und Jüdinnen aus Berlin in den Jahren 1941-1945 zuständig. In dem dortigen Judenreferat arbeiteten 40 Polizisten. Insgesamt waren in der Berliner Gestapostelle 700 Polizisten eingestellt. Ihre Prozessaussagen spiegeln die Rechtfertigungsversuche und Schuldzuweisungen bezüglich ihrer aktiven Beteiligung am Prozess der Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen wieder. Aus verschiedenen Gründen wurde kein Mitarbeiter des Judenreferats der Berliner Gestapostelle verurteilt und viele von ihnen setzten ihre berufliche Karriere in den Strukturen der Polizei in der BRD fort.

Im Rahmen des Vorbereitungsworkshops zum Besuch der Gedenkstätte Dachau setzte sich die Seminargruppe mit der Rolle dieses Lagers im System der Konzentrationslager im Dritten Reich auseinander. Anhand der zugänglichen Quellen wurde der Wissensstand der lokalen zivilen Gesellschaft und der internationalen Gemeinschaft zu den Anfängen des KZ-Systems und der Entwicklung des nationalsozialistischen Verfolgungsapparates thematisiert. Während der Besichtigung des ehemaligen Lagers Dachau lenkten wir die Aufmerksamkeit auf die Kultur des Gedenkens an die verschiedenen Opfergruppen von Dachau und den Prozess der Gestaltung der Gedenkstätte sowie die Rolle der ehemaligen Häftlinge in diesem Prozess (Internationales Komitee Dachau).

Weiterhin besuchten wir die Gedenkstätte Hebertshausen. Der Ort ist etwa 2 Kilometer von dem Hauptlager in Dachau entfernt. In den Jahren 1937/38 wurde dort ein Übungsschießplatz für SS-Männer eingerichtet. Dort wurden in den Jahren 1941/1942 von den SS-Männern etwa 4.000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet. Die Opfer wurden aus den Kriegsgefangenenlager in München, Nürnberg, Stuttgart, Wiesbaden und Salzburg laut den ideologischen und Rassenkriterien ausselektiert. Es waren politische Kommissare, sowjetische Offiziere, intellektuelle Vertreter und Juden. Im Rahmen einer gemeinsam vorbereiteten Zeremonie gedachte die Seminargruppe der Opfer.

Die interaktiven Methoden der Seminararbeit erlaubten es, gemeinsam in der internationalen Gruppe darüber nachzudenken, wie heutzutage das richtige Gedenken gestaltet werden sollte. Nach den Diskussionsrunden nahmen die Seminarteilnehmer*innen an dem Vortrag von Dr. Albert Knoll zum Thema Homosexualismus im Nationalsozialismus und an einem Gespräch mit Niklas Frank, dem Sohn von Hans Frank, teil. Hans Frank verwaltete im besetzten Polen das Generalgouvernement. Niklas Frank stellte das Schicksal seiner ganzen Familie und den schwierigen Prozessen der Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Erbe dar und präsentierte Fragmente seiner Bücher Mein Vater Hans Frank und Meine deutsche Mutter.

Es war das dritte und zugleich das letzte Seminar im Rahmen des Projektes Erinnerungskulturen an den 2. Weltkrieg und den Holocaust: Polen, Belarus, Deutschland. Jetzt beginnen die Seminarteilnehmer*innen die Arbeit an den Artikeln zur Online-Publikation, die 2019 erscheinen soll. Die nächste Auflage des Projektes ist für 2019/2020 geplant. Wir laden alle Interessierten zur Teilnahme ein !

Die Projektpartner sind: Geschichtswerkstatt Leonid Levin der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte J. Rau in Minsk/Belarus, Bayerischer Jugendring in München/Deutschland, Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e.V. in Berlin/Deutschland, Lehrstuhl für Internationale Studien von Mittel- und Osteuropa, Universität Warschau/Polen, Wissenschaftlicher Kreis „Eurasien“, Jagiellonen Universität Krakau/Polen, Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte und Public History, LMU München/Deutschland, Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte, FU Berlin/Deutschland.

Das Seminar wird aus den Mitteln des Deutsch-Polnischen Jugendwerks (DPJW), des Auswärtigen Amtes, der Stiftung für das Gedenken an die Opfer des KL Auschwitz-Birkenau in Oświęcim finanziert.

Projektkoordination: Elżbieta Pasternak

Hotel Services

Zur Verfügung unserer Gäste stehen drei großzügig angelegte Wohnpavillons mit 100 Übernachtungsplätzen in Zwei-, Drei-, Vier- und Fünfbettzimmern.

Mehr