Multiperspektivität der Erinnerung

polnische, deutsche und belarussische Wahrnehmungen des 2. Weltkriegs und des Holocaust

Seminar für StudentInnen und MultiplikatorInnen

Vom 10 bis 16 November fand in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz die zweite Edition des deutsch-polnisch-belarussischen Seminars statt, an dem 25 StudentInnen von den Universitäten in Minsk, Rostock, Erfurt, Rzeszow und Krakow teilnahmen. Das Seminar wurde in Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Minsk vorbereitet, die 2003 gegründet wurde und zum Ziel hat, die Dokumentation über eins der größten Ghettos in der besetzten Sowjetunion und das in der Nähe gelegene Vernichtungslager Trostenez, wo Juden aus Minsk und der Umgebung, aus Mitteleuropa und Deutschland vernichtet wurden, anzulegen und zu veröffentlichen. Im Lager Trostenez wurden auch Kriegsgefangene, Mitglieder der Widerstandsbewegung und die nichtjüdische Zivilbevölkerung ermordet. Die Initiatoren des Seminars: Dr. Kusma Kozak (Geschichtswerkstatt Minsk) und Elżbieta Pasternak (IJBS Oświęcim/Auschwitz) wollten durch dieses Projekt die wenig bekannten Fakten über die Besatzungspolitik und den Vernichtungsprozess in Belarus beleuchten. Während des Seminars war die Anwesenheit der Zeitzeugin, Frau Aleksandra Siwakowa Borysowa von sehr großer Bedeutung. Sie stellte anhand von eigenen Erfahrungen und Erlebnissen die Erinnerung an die vergangenen Ereignisse dar.

Das Seminar fing mit dem Workshop in den internationalen Gruppen an – wir reflektierten gemeinsam über die Wahrnehmungen des 2. Weltkriegs und des Holocaust in der privaten und kollektiven Erinnerungskultur in Polen, Deutschland und Belarus, mit dem Augenmerk auf Ähnlichkeiten und Unterschiede.

Desweiteren besuchten die Gruppen unter der Betreuung der Museumsführer das Gelände des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Die SeminarteilnehmerInnen aus Polen und Belarus hatten eine einzigartige Gelegenheit, Frau Aleksandra Borysowa während des Birkenau Rundgangs zu begleiten. Es war eine bewegende Erfahrung, aufgrund der inneren Ruhe der Zeitzeugin bei der Konfrontation mit dem Ort der tragischen Erfahrungen aus ihrer Kindheit. Aleksandra Borisowa wurde am 15 April 1944 zusammen mit ihrer Mutter aus dem KL Majdanek ins KL Auschwitz II-Birkenau deportiert und bekam dort die Häftlingsnummer 77409.

Die SeminarteilnehmerInnen wurden auch in die Sammlungen des Archivs des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau eingeführt. Dies war besonders für die Archivistik Studenten aus Minsk wichtig. Unter den in Bruchteilen erhalten gebliebenen Dokumenten suchten sie nach Informationen zu den Deportierten aus Belarus. Der Besuch ist ein Impuls für weitere Forschungen über das Schicksals der belarussischen Häftlinge der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager. Bis heute leben in Belarus etwa 200 (ehmalige) Auschwitz - Häftlinge.

Eine wichtige Ergänzung zum Programm war der Besuch im Jüdischen Zentrum, wo sich das Jüdische Museum und die Synagoge Chewra Lomdei Misznajot befinden. Die SeminarteilnehmerInnen machten sich mit der Vorkriegsgeschichte der jüdischen Gemeinde in Oświęcim, mit den Sammlung der Judaika, sowie mit den Grundregeln des Judaismus und den Funktionen der Synagoge bekannt. Gleb, der ukrainische Freiwillige des Zentrums führte die Gruppe durch die Stadt sowie den nach dem Krieg rekonstruierten jüdischen Friedhof.

Die belarussische Gruppe bereitete speziell für das Seminar eine Präsentation vor: Die Besatzungspolitik in Belarus und das Schicksal der belarussischen Juden, die auf großes Interesse der TeilnehmerInnen stieß, zumal diese Opfergruppe in dem polnischen und deutschen Diskurs über die Erinnerung oft marginalisiert wird. Es wurde auch das Buch Das Vernichtungslager Auschwitz: Zeugnisse der Überlebenden aus Belarus präsentiert. Die neueste, dritte Edition des Buches, von der Geschichtswerksatt Minsk 2012 herausgegeben, ist eine Sammlung von 135 Zeugnissen der ehemaligen Auschwitz - Häftlinge. Das Buch erschien bisher auf russisch, eine deutsche Fassung ist geplant. Der wichtigste Seminarprogrammpunkt war die Begegnung mit Frau Aleksandra Borisowa, die 1937 in Belarus in der Umgebung von Vitebsk geboren wurde. Gemeinsam mit ihrer Familie wurde sie 1943 ins KL Lublin im Rahmen der Vergeltungsmaßnahmen gegen die zivile Bevölkerung für deren Partisanentätigkeit deportiert. Den Aufenthalt in Majdanek hat sie dank den Bemühungen der Mutter und der polnischen Ärztin, die sie in Obhut genommen hat, überlebt. Am 15 April 1944 wurde sie mit der Mutter ins KL Auschwitz II-Birkenau deportiert. Ihr Vater wurde in Majdanek ermordet. Nach der Trennung von der Mutter wurde sie in der Kinderbaracke in Birkenau untergebracht. Sie war auch Opfer der pseudomedizinischen Versuche, die im Lager von den SS-Ärzten durchgeführt wurden. Aleksandra Borisowa erlebte die Befreiung durch die Rote Armee. Nach der Befreiung lebte sie in Krakau, bevor sie mit der Mutter nach Vitebsk zurückkehrte. Den Krieg überlebte auch ihr Bruder, mit dem sie sich nach dem Krieg in ihrem Heimatort getroffen haben. Während der Begegnung wurden viele Fragen von den Studierenden gestellt. Die meisten betrafen die Lagererfahrungen, das Schicksal der einzelnen Familienmitglieder und das Nachkriegsleben in Belarus. Aleksandra Borisowa ist heutzutage eine Aktivistin und Vorsitzende des Vereines der ehemaligen Häftlinge der nationalsozialistischen Konzentrationslager, die in Belarus leben.

Während der gemeinsamen Diskussionsrunden erwogen die Studierenden Fragen verschiedener Art und Weise zur Konstruktion des Erzählens über den 2. Weltkrieg und den Holocaust, sowie Bildungskonzepte in den Gedenkstätten und die Perspektiven der Entwicklung der Gedenkstättenpädagogik. Die TeilnehmerInnen diskutierten auch über die private Erinnerungskultur in Bezug auf die eigenen Erfahrungen.

Das Seminar endete mit dem gemeinsamen Ausflug nach Krakau. Die deutsche Gruppe besichtigte das Museum EMALIA in der ehemaligen Oskar Schindler Fabrik, die polnisch-belarussische Gruppe besuchte in dieser Zeit die Altstadt und das ehemalige jüdische Viertel Kazimierz.

2013 ist die nächste Auflage des Projekts in der IJBS Oświęcim/Auschwitz geplant und für die AbsolventInnen des diesjährigen Seminars ein Treffen in Minsk.

Aleksandra Kalisz, Ewelina Malik, Magdalena Kopeć
(SeminarteilnehmerInnen, Zentrum für Holocaustforschung, Institut der Europäischen Studien, Jagiellonen Universität Krakau)

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