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Der 67. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz

Auf dem Foto: Zofia Posmysz, Józef Paczyński, Tadeusz Sobolewicz, Tadeusz Smreczyński, August Kowalczyk, Halina Birenbaum.

Józef Paczyński wird in zwei Tagen 92 Jahre alt. In das KL Auschwitz wurde er mit dem ersten Transport am 14. Juni 1940 eingeliefert, das Lager hat er am 19. Januar 1945 mit dem letzten Todesmarsch verlassen. Er war Friseur von R. Höss, dem Lagerkommandanten. Nach dem Krieg arbeitete er in einer Tabakfabrik in Krakau und leitete eine Schule in Brzesk.
- Zur Zeit der Volksrepublik Polen saß mein Kollege aus Auschwitz, Kazimierz Szelest, im Gefängnis Montelupich in einer Zelle gemeinsam mit den Verbrechern Max Grabner und Hans Aumeier. Ein Paradox, nicht wahr? Zeitzeugengespräche führe ich durch, seitdem ich im Ruhestand bin, also seit über 50 Jahren. Eine, von den ersten Fragen bei den Begegnungen mit Jugendlichen lautet: Wie haben Sie überlebt? Es gibt keine einfache Antwort darauf.
Die jungen Deutschen hören gerne zu, geißeln sich für die Sünden ihrer Vorfahren. Die Polen geht es irgendwie weniger an. Die amerikanischen Juden weinen oft. Ich erlebe meine Erzählung auch selbst sehr emotional. Obwohl ich sie schon hundert Mal erzählt habe, stehen vor meinen Augen jedes Mal meine Kollegen: gefoltert, erschossen, erhängt.
Leute fragen mich, was für ein Mensch war Rudolf Höss? Wie hat er sich verhalten, als ich seine Haare geschnitten habe? Warum habe ich ihn nicht umgebracht?

Tadeusz Sobolewicz, 89 Jahre alt, Häftling von sechs Lagern, darunter Auschwitz, nach dem Krieg Theater- und Filmschauspieler.
- In den 50-er Jahren besuchten wir gemeinsam mit einer Freundin die Schulen und haben über das Lager berichtet. Seit Mitte der 70-er Jahre treffe ich mich mit jungen Deutschen. Ich habe über zweitausend Begegnungen hinter mir. Es ist meine Mission und Verpflichtung meinen Kollegen gegenüber, die nicht mehr leben. Die jungen Deutschen sind immer schockiert. Sie weinen oft, und nach dem Treffen bitten sie: Können Sie mir Ihre Hand reichen? Sie sagen: Jetzt weiß ich, warum Großvater über den Krieg nicht erzählen wollte. Sie wundern sich, dass wir für unser Leiden keine Entschädigung bekommen haben.

August Kowalczyk, 90 Jahre alt, Flüchtlig von Auschwitz, nach dem Krieg Theater- und Filmschauspieler und Regisseur:
- Gestern bin ich wieder auf die Beine gekommen, na ja, nicht wortwörtlich (Lachen). Nach monatelanger Krankheit war es mir möglich eine Begegnung bei Posen durchzuführen. 340 Personen. Das ist meine Medizin. In ein paar Tagen fahre ich nach Oświęcim. Es bleiben noch sechs Treffen, um die Zahl der Begegnungen symbolisch meiner Lagernummer anzugleichen: 6804. Ich zahle meine Schulden zurück, ich gebe ein Zeugnis. Ich muss es zu Ende bringen.

Zofia Posmysz, 88 Jahre alt, Gefangene von Auschwitz und Ravensbrück, nach dem Krieg Schriftstellerin und Journalistin; anhand ihrer Erzählung drehte der Regisseur Andrzej Munk den bekannten Film Die Passagierin.
- Die jungen Menschen wissen, dass es Gaskammer gab, aber über das Leben im Lager haben sie kaum Ahnung. Eine von den Gruppen wollte in Birkenau die Baracke 27 sehen, wo ich lag, als ich an Fleckfieber erkrankte. Ich zeigte die höchste Koje und sagte:
Das ist meine komfortable Pritsche. Und eine junge Deutsche fragte, weil sie dachte, dass ich scherze: Warum komfortable? Ich erklärte, dass auf die Kranken, die unten lagen, alles runter floss, niemand stand doch auf. Stille. Ich erzähle über die Erniedrigung, aber auch über die Menschlichkeit. Die Deutschen sind tiefgründiger. Polen scheinen gelangweilt zu sein, was aber nicht bedeutet, dass sie mehr wissen. Sie fragen zum Beispiel, wie oft mich im Lager meine Eltern besuchen durften?

Tadeusz Smreczyński, 88 Jahre alt, 1944 stand er vor dem Polizeistandgericht in Auschwitz, ein Wunder, dass er dem Tod entkommen ist. Nach dem Krieg absolvierte er ein Medizinstudium in Krakau und wurde Arzt.
- 1952 während der Verleihung der Diplome zum Abschluss des Studiums setzte sich neben mich Professorin Janina Kowalczykowa. Ich sah ihre Lagernummer. Ich fragte sie, wann sie sie entfernen werde. Sie erwiderte: NIE. Immer dann, wenn ich meine Hände vor der Operation wusch, sah ich meine Häftlingsnummer – und damit auch die grausame Vergangenheit. 1981 ließ ich die Nummer entfernen. Ich dachte, es wird was ändern. Aber bis heute wache ich in der Nacht auf und sehe das Lager. Ich treffe mich mit den Jugendlichen seit 10 Jahren. Die jungen Deutschen fragen, ob ich sie hasse. Aber ich kenne dieses Gefühl nicht.

Halina Birenbaum, 83 Jahre alt, Gefangene von Majdanek und Auschwitz. 1947 emigrierte sie nach Israel, 20 Jahre später wurde ihr berühmtes Buch herausgegeben: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Schriftstellerin und Dichterin, seit 20 Jahren besucht sie regelmäßig Polen:
- Als es mir nach 40 Jahren erlaubt wurde, für ein paar Tage nach Polen zu kommen, warnten mich der ältere Sohn und der Ehemann, dass ich nicht nach Oświęcim fahren soll, weil ich dort einen Herzinfarkt bekommen würde. Aber eben die Vernichtungsorte waren das Hauptziel meiner Reise. Ich wollte die Tore von diesen Orten betreten und sie ohne Angst berühren. Heute habe ich keine Angst und ich fliehe nicht vor dem Schmerz meiner Erinnerungen. Die Vermittlung der Wahrheit von Auschwitz ist eine große Aufgabe, ein Versuch Antworten zu finden, das Beibringen der Toleranz, die Auslöschung des Bösens, das ununterbrochen auf uns lauert, nicht selten auch in uns selbst haust.

Alicja Bartuś

Auf dem Foto: Zofia Posmysz, Józef Paczyński, Tadeusz Sobolewicz, Tadeusz Smreczyński, August Kowalczyk, Halina Birenbaum.

Der Text wurde in „Dziennik Polski” am 27 Januar 2012 veröffentlicht.

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