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Deutsch-polnischer Kunstworkshop für Jugendliche aus Deutschland und Polen in Museum des Warschauer Aufstands 1944 und in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oswiecim/Auschwitz vom 23-29. März 2010
Vom 23. bis 29.März fand in Kooperation mit der Pädagogischen Abteilung (Karol Mazur) des Museums des Warschauer Aufstands und der Pädagogischen Abteilung (Anna Meier) der IJBS Oswiecim der erste deutsch-polnische Comicworkshop in der Begegnungsstätte statt. Im Rahmen des Modellprojektes kunst-raum-erinnerung wurde im November 2009 der erste Teil des Projektes in der IJBS Sachsenhausen realisiert.
Das Museum des Warschauer Aufstands hat im Jahr 2008 als Resultat eines öffentlich ausgeschriebenen Wettbewerbs die Comic-Anthologie 44 veröffentlicht, in der Arbeiten von jungen Comiczeichnern, die sich auf unterschiedlichste Weise mit dem Warschauer Aufstand beschäftigen, publiziert wurden. Mit dem Workshop Comic09 sollte auf diesen positiven Erfahrungen aufgebaut werden, die Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte in Comics weiter entwickelt und in den Kontext deutsch-polnischer Begegnung transferiert werden. Diese Verbindung erschien sinnvoll, weil in Comics durch den Zwang zur Entwicklung einer knappen und klaren Geschichte die Subjektivität des/der ZeichnerIn, aber auch seine/ihre Verortung innerhalb von Erinnerungskollektiven deutlich wird. Durch das gemeinsame Herausarbeiten und Reflektieren der den Comics zugrunde liegenden Narrative in der binationalen Gruppe eröffnen sich den Teilnehmer/innen neue Perspektiven auf die Erinnerungskulturen in Polen und Deutschland und damit Möglichkeiten zur interkulturellen Begegnung. Solche Erfahrungen der interkulturellen Geschichtsbearbeitung werden heute, da das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust zunehmend transnationaler wird, immer wichtiger. Denn nur, wer versteht, dass Erinnerungen plural und widersprüchlich sein können, wird sich in einer zunehmend globalisierten Erinnerungslandschaft zurecht finden. Die Fähigkeit, über Geschichtsbilder und Bezüge zur Geschichte in Kommunikation zu treten, ist auch für den deutsch-polnischen Dialog von zentraler Relevanz. Mirko Wetzel, Mitarbeiter im Modellprojekt: kunst – raum - erinnerung
Die Rückbegegnung führte nun die 20 SchülerInnen der Gymnasien aus Siedlce und Oranienburg im März erneut in Warschau und Oswiecim für 7 Tage zusammen.
Die deutsch-polnische künstlerische Leitung des workshops oblag dem Comiczeichner und Illustrator Łukasz Mieszkowski aus Warschau und dem bildenden Künstler Thorsten Streichardt aus Berlin.
Der thematische Ausgangspunkt für den siebentägigen workshop war die Auseinandersetzung mit den zwei Warschauer Aufständen (Warschauer Ghetto Aufstand 1943 und Warschauer Aufstand 1944), dem Schicksal vor allem der Warschauer Zivilbevölkerung und ihrer Deportation während und nach dem Warschauer Aufstand in das KZ Auschwitz. Die ersten zwei Tage verbrachte die Seminargruppe in Warschau, besuchte während einer Stadtführung wichtige Originalschauplätze des Warschauer Aufstands sowie des Ghetto Aufstands, die auch die zeitweilige Zusammenarbeit zwischen den Aufständischen beider Aufstände verdeutlichen sollte. Abschließend besichtigten die deutschen und polnischen SchülerInnen, die einzige im Zweiten Weltkrieg nur teilweise zerstörte und renovierte Synagoge Zalmana i Rywki Małżonków Nożyków. (ul. Twarda 6) In Warschau existierte vor dem Zweiten Weltkrieg die größte jüdische Gemeinde Europas mit 350.000 Mitgliedern. Die Nożyk Synagoge, vor dem Krieg eine der fünf größten Synagogen Warschaus, wurde an der Wende zum 20. Jahrhundert fertiggestellt. Im Gegensatz zu allen anderen Warschauer Synagogen überdauerte sie den Zweiten Weltkrieg dadurch, dass sie von den deutschen Besatzern als Pferdestall benutzt wurde. Die Stadtführung griff vor allem einzelne historische Momente heraus sowie individuelle Schicksale einzelner Personen und Persönlichkeiten wie z.B. das vom Mordechaj Anielewicz dem Anführer des Ghettoaufstands. In der ul. Miła 18 besuchten die SchulerInnen den Ort, an dem sich einst der Bunker befand, in dem der Anführer und die obersten Mitstreiter des Ghettoaufstandes am 8. Mai 1943 starben. Im Rahmen einer anschließenden Multimediapräsentation wurden die einzelnen Ereignisse in den historischen Kontext der Aufstände eingefügt und das Museum des Warschauer Aufstands besichtigt. Am darauf folgenden Tag bekamen die TeilnehmerInnen einen Einblick in die Arbeit des Oral History-Archivs des Museums des Warschauer Aufstands, was gleichzeitig auch die Vorbereitung auf das Gespräch mit Frau Janina Rekłajtis geborene Papiernik war, die als neunjährige gemeinsam mit ihrer Mutter, bereits 2 Tage nach Ausbruch des Warschauer Aufstands, in das KZ Auschwitz deportiert wurde.
Im Anschluss an das Gespräch mit Frau Janina Rekłajtis hatten die Jugendlichen die Möglichkeit Fragen zu stellen. Das Gespräch mit Janina Rekłajtis war besonders bewegend, da sie sich an viele Details aus der Okkupations- und Lagerzeit erinnerte, die sie auf sehr bildliche Art und Weise aus der Perspektive einer neunjaehrigen erzählte. Es wurde offensichtlich, wie nachhaltig und unwiderruflich sich dieses Erleben in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte. Beispielswiese erinnerte sie sich an die Deportation vom Durchgangslager Pruszków nach Auschwitz, als die polnische Bevölkerung während der Zugfahrt versuchte den im Zug Gefangenen Wasser oder Essen zu geben und die Deutschen dies verhinderten. Besonders klar erinnerte sich Frau Janina, die als jüngste von drei Kindern (sie hatte noch eine Schwester und einen Bruder) hauptsächlich geerbte Kleidung trug, dass die Mutter ihr zur Erstkommunion ein wunderbares Kleid und einen neuen Pelzmantel kaufte, die sie mit ins Lager brachte. In dem Moment, als ihr die Kleidung im Saunagebäude in Auschwitz-Birkenau weggenommen wurde, weinte sie allein und bitterlich über den Verlust ihres früheren Lebens. Das wurde ihr in dieser Situation besonders deutlich, die sich so drastisch von ihren vergangenen Kinderjahren unterschied, als sie voller Stolz mit neuem Kleid und Mäntelchen durch die Warschauer Altstadt paradierte.
Mit Frau Janinas Appell an die junge Generation, in Zukunft alle Arten von Krieg zu verhindern und dem Wissen im Herzen, dass Janina nach dem Krieg zuerst große Angst hatte die Gedenkstätte in Oswiecim zu besuchen, aus Furcht von dort nicht zurückzukehren, fuhr die Seminargruppe nach zwei intensiven Tagen in Warschau nach Oswiecim in die Internationale Jugendbegegnungsstätte zurück. Hier verfolgten die Jugendlichen das Schicksal der Warschauer Juden und das von Frau Janina Rekłajtis weiter und besichtigten gemeinsam die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau. Ihre Gedanken, Gefühle und Hoffnungen schrieben die Jugendlichen nach dem Besuch nieder und zeichneten jeder/e ein Bild des historischen Ereignisses, dass ihnen in den letzten Tagen besonders im Gedächtnis haften geblieben war, so wie ein Bild mit der Darstellung dessen, was ihnen in ihrem Leben das allerwichtigste ist.
Durch die Zeichnungen arbeiteten die TeilnehmerInnen mit Hilfe der Comiczeichner gemeinsam fünf Themenschwerpunkte heraus: 1. Kinder, 2. Träume, 3. Warschauer Aufstand, 4. Familie, 5. Erniedrigung.
Aufgrund dieser Themenschwerpunkte formierten sich fünf deutsch-polnische Arbeitsgruppen, die in den folgenden 2-3 Tagen gemeinsam eine für sie persönlich wichtige Geschichte entwickelten und diese in einem Comicstrip zeichnerisch umsetzten. Hilfreich waren dabei die Aufzeichnungen, die die Jugendlichen von Seminarbeginn an während des gesamten Aufenthalts auf ihren Skizzenblöcken gemacht hatten.
Die Herausforderung, im Gegensatz zu dem ersten Teil des Comicworkshops in der IJBS Sachsenhausen, als jeder/e an ihrem/seinem eigenen Comic gearbeitet hatte, war nun die gemeinsame Ideenfindung und Umsetzung des Projektes in deutsch-polnischen Kleingruppen. Diese Arbeitsmethode wurde fast ausschließlich als sehr positiv empfunden, da sich so die deutsch-polnische Gruppe sehr stark integrierte und durch die Kleingruppenarbeit intensiv über die Geschichte diskutiert werden konnte. Am letzten Tag des Seminars führte die ASF-Freiwillige in der IJBS, Daria Varyvod, aus der Ukraine die Seminargruppe durch die Stadt Oswiecim und brachte ihnen die Stadtgeschichte aus deutscher, polnischer und ukrainischer Perspektive näher. Für den letzten Abend wurde die Präsentation der fünf Comics vorbereitet und jede Gruppe stellte ihr Projekt im Plenum vor. Abgeschlossen wurde der gelungene workshop mit einem deutsch-polnischem Abschiedsabend und mit der Hoffnung sich ganz bald zu einem weiteren Projekt wiederzusehen.
Anna Meier
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