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Projektbeschreibung der Chronik-Reportage „Europa nach Auschwitz”

Die Idee des Projektes „Europa nach Auschwitz“ beinhaltet die Erstellung einer Chronik-Reportage des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau, die auf den Erinnerungen und Berichten der direkten Zeugen und Teilnehmer der Ereignisse beruht, die mit den Aussagen der SS-Männer konfrontiert werden.

Im Archiv des Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Oświęcim befinden sich ca. 3000 Berichte der ehemaligen Häftlinge des Lagers. Dieses erschütternde Material wurde bisher in Form von Dokumentarliteratur nicht bearbeitet. Dieses schwierige Thema, das bis heute viele Kontroversen hervorruft, könnte dank der populären Form der Reportage das breite Publikum erreichen, die Bibliotheken und Archive verlassen und zu regen Diskussionen motivieren.

Die Autoren des Projektes der Chronik-Reportage „Europa nach Auschwitz“ – das Reportagelabor des Institutes für Journalismus der Warschauer Universität arbeitet an der ersten Fassung der Chronik der Ereignisse im Konzentrations- und Vernichtungslager, die in entscheidendem Maße auf den polnischen Berichten beruht. Es ist also die Geschichte, die mit den Augen der Polen gesehen wird. Wie sieht diese Geschichte in den Augen der VertreterInnen anderer Nationen und Kulturen aus: der Juden, Sinti und Roma, Russen und Deutschen?

Der erste Schritt zur Annäherung an diese Fragestellung war der deutsch-polnische Workshop in der Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz, der zur Internationalisierung des Redaktionsteams des Projektes beitragen soll. Die Arbeit an der Chronik-Reportage ist nicht nur die Arbeit an dem großen Thema – Recherche in den Archiven, Kennenlernen der Topographie der Ereignisse, es sind auch Gespräche und Begegnungen mit den noch lebenden Zeitzeugen, Recherche von vielen noch nicht entdeckten Geheimnissen, die mit diesem Thema verbunden sind. Die tiefgründige journalistische Praxis bei der Arbeit an der Chronik-Reportage bietet für junge Menschen eine Chance für die langfristige Entwicklung ihrer beruflichen Kompetenzen an.

Die einzigartige Konstruktionsmethode der Chronik beruht auf der Montage von Textfragmenten, indem ausschließlich Berichte und Aussagen der direkten Zeugen und Teilnehmer der Ereignisse verwendet werden – der ehemaligen Häftlinge des Lagers und der SS-Männer. Diese Methode hilft, subjektive Interpretationen des Autors zu vermeiden. Berichte und Aussagen werden in Fakten gegliedert, diese werden aufs Neue um die Ereignisse, Probleme, Biographien organisiert, die dann einzelne Szenen bilden. Die Szenen, die ein konkretes Thema verbindet, beruhen auf Leitmotiven. Der ganze Text wird chronologisch organisiert. Der aus der Gattung der Reportage hervorgehende Kult des Details erlaubt nicht nur Metapher und Verallgemeinerung anzuwenden, sondern auch einen gewissen Grad der Interpretation zu erreichen. Die in der Chronik angewandte spezifische Erzählweise und Dramaturgie erlaubt den Effekt der epischen Erzählung zu erreichen, die dem Stil des Romans ähnlich ist und doch den Charakter des historischen Dokumentes hat.

Die Methode der Erstellung der Chronik füllt eine Lücke zwischen den wissenschaftlichen Werken und der Erinnerungsliteratur. Die zugänglichere Form der Reportage bringt das bisher unbekannte Material dem breiten Publikum näher. Der Ideengeber des Projektes ist Marek Miller, Reporter, Gründer und Leiter der Reportagewerkstatt und demnächst Gründer des Reportagelabors des Institutes für Journalismus der Warschauer Universität, das ein Zentrum für journalistische Experimente ist, in dem die Möglichkeiten der multimedialen Arbeit am Thema und der Teamarbeit am Text erforscht werden. Das Reportagelabor wurde in den 80er Jahren gegründet. Es entstanden dort solche Texte wie das Buch „Wer hat hier die Journalisten hereingelassen?“ – gewidmet der Geschichte von Solidarność und „Filmschule“ – eine Chronik der Hochschule für Film, Fernsehen und Theater in Łódź.

Zusammenarbeit

Die gemeinsame Arbeit an der Chronik-Reportage „Europa nach Auschwitz“ der jungen Polen und Deutschen war der erste Versuch, diese Idee in einem internationalen Team praktisch umzusetzen. Das Projekt war für die jungen Menschen, die sich auf Arbeit in den Medien vorbereiten, eine gute Gelegenheit, sich gegenseitig kennenzulernen. Wir haben einen wichtigen ersten Schritt gemacht. Für die LeserInnen präsentieren wir einen Text, der die gemeinsame Arbeit an einer Geschichte wiederspiegelt.

Elżbieta Pasternak, Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz
Marek Miller, Marta Sieciechowicz, Reportagelabor des Insitutes für Journalismus der Warschauer Universität

 

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ZIGEUNERLAGER

Teresa Wontor-Cichy

Das Familienlager für Zigeuner wurde im Februar 1943 in Birkenau gegründet. Der erste Transport von Zigeunern aus Deutschland, der sowohl Männer und Frauen als auch Kinder betraf, ist am 26. Februar 1943 im Lager eingetroffen. Das Lager der Zigeuner wurde „Zigeunerlager BIIe“ genannt.

Die Situation der Zigeuner in der Zeit des III. Reiches unterschied sich kaum von der Situation der Juden im Lager. Die Möglichkeit der Wanderung der Zigeuner von Ort zu Ort wurde schon vor dem Ausbruch des II. Weltkrieges eingeschränkt. Eine gewisse Zahl der Zigeuner wurde in den Konzentrationslagern unter dem Vorwand der „Aktion gegen die asozialen Elemente“ eingesperrt. Nach dem Beginn der Fronteinsätze hat man entschieden, die Zigeuner aus dem Reich und aus dem Territorium des General Gouvernements umzusiedeln. Die aus den deutschen Städten vertriebenen Zigeuner hat man in den jüdischen Ghettos und in den Lagern für Juden eingesperrt.

Die Zigeuner, die im Ghetto Łódź im November 1941 konzentriert waren, wurden nach einigen Wochen in dem Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Ein ähnliches Schicksal teilten die deutschen Zigeuner, die auf das Territorium des General Gouvernements verlegt wurden.

Letztendlich hat Himmler am 16. Dezember 1942 den Befehl erteilt, die übriggebliebenen Zigeuner aus dem Reich, aus Österreich und aus dem Protektorat von Böhmen und Möhren (mit der Ausnahme der Sippen Sinte und Lalleri) ins Konzentrationslager Auschwitz zu deportieren.

Es ist keine schriftliche Instruktion oder Verordnung erhalten geblieben, die die Zielsetzung der Gefangennahme der Zigeuner im Lager oder ihrer Behandlung dort betrafen. Wie Rudolf Höss, der Lagerkommandant verordnet hat, sollten die Zigeuner im Lager bis Ende des Krieges als Internierte eingesperrt bleiben. Es ist auch bekannt, dass die SS-Ärzte einen geheimen Befehl von Himmler bekommen haben, in dem ihnen mitgeteilt wurde, dass „auf eine diskrete Art und Weise die Kranken und besonders Kinder liquidiert werden sollten“.

Aus den anderen Aussagen u.a. von Perry Broad, dem ehemaligen SS-Mann, ist bekannt geworden, dass die Anweisung des Reichsführers der SS folgende war: „soweit es möglich ist, soll man sie festnehmen, sie sollen von der Erde verschwinden”.

Es ist nicht zu bezweifeln, dass die Zielsetzung der Gefangennahme der Zigeuner im KL Auschwitz ihre Vernichtung war.

Im Lager wurden die Zigeuner in die Kategorie der „asozialen Häftlinge“ eingegliedert, man hat sie mit dem schwarzen Winkel gekennzeichnet und vor der Nummer wurde ihnen der Buchstabe “Z“ eintätowiert. Insgesamt wurden 10.079 Zigeuner und 10.849 Zigeunerinnen im Lager registriert. Unter ihnen waren ca. 350 Kinder, die im Lager geboren wurden, alle von ihnen wurden mit einer Nummer gekennzeichnet. Ca. 1.700 Personen wurden nicht in die Evidenz eingetragen und gleich nach der Ankunft in den Gaskammern ermordet. Sowohl die, die noch vor der Gründung des Zigeunerlagers in das KL Auschwitz deportierten wurden, als auch die, die in der allgemeinen Serie registriert wurden kamen insgesamt ca. 23.000 Zigeuner in das Lager.

Man hat ihnen die Haare nicht geschoren, sie konnten zivile Kleidung tragen, die Frauen wurden von den Männern nicht getrennt. In der Praxis blieben alle Familien zusammen, indem eine Familie eine oder zwei Pritschen belegen konnte.
Einige Zigeuner wurden mit der Fertigstellung des Zigeunerabschnittes beschäftigt, andere wieder in den Kommandos, die mit dem Lagerdienst verbunden waren. Sie hatten jedoch keine feste Arbeitszuteilung.

Als im Februar 1943 der erste Transport der Zigeuner im Lager eintraf, befand sich der „Abschnitt BIIe“ noch im Bau. Als letzte wurden die Sanitätsbaracken gebaut und gleich hinter dem Eingangstor befanden sich die Lagerküchen. In den restlichen Baracken entstanden Verwaltungsbaracken und Wirtschaftsräume, des weiteren der Sitz des Referates der Politischen Abteilung für die Angelegenheiten der Zigeunerhäftlinge, eine Krippe und ein Kindergarten. In den nächsten zwei Baracken befand sich der Krankenbau, der im Zusammenhang mit der zuwachsenden Erkrankungsquote auf weitere vier erweitert wurde. Ein Teil der „Sauna-Baracke“, die sich hinter dem Block 32 befand wurde für den Arbeitsraum von Dr. Josef Mengele vorgesehen. Insgesamt waren für die Abschnitte BIIe 32 Baracken geplant. Der größte Teil der Bauten hatte die Funktion der Wohnbaracken, es gab sechs Sanitätsbaracken und zwei Küchen.

Dr. Josef Mengele kam am 30 Mai 1943 nach Birkenau. Dort hat er die Funktion des Lagerarztes in dem sog. „Familienzigeunerlager“ übernommen, das auf dem Gelände von Birkenau entstand. Gleichzeitig war er Lagerarzt in den Krankenbauten und in der Ambulanz, die in den anderen Lagerabschnitten organisiert wurden. Wegen dem Ruf, den er als SS-Arzt hatte, wurde sein Einflussbereich bald auf das ganze Lager Birkenau ausgedehnt.

Auf Befehl des Institutes für Rassenbiologische und Anthropologische Forschungen der Kaiser-Wilhelm-Institute in Berlin-Dahlem begannen die anthropologischen Forschungen an den verschiedenen Rassengruppen. Hauptsächlich an Zigeunern und Zwillingen, vor allem an den eineiigen. Er hat sich auch für die Physiologie und Pathologie im Bereich der Entstellungen interessiert und hat Forschungen an Kindern mit einer verschiedenfarbigen Regenbogenhaut des Auges (Heterochromie Iridis) und an Kindern mit anderen angeborenen Anomalien geführt. Er hat bei ihnen anthropologische, morphologische, psychiatrische und Röntgen-Untersuchungen durchgeführt. Als im Sommer 1943 in dem Zigeunerlager eine bisher unter den Häftlingen nicht vorhandene Krankheit ausbrach, die „Wasserkrebs“ genannt wurde (Noma Faciei) und vor allem Kinder und Jugendliche angegriffen hat, begann er Forschungen im Bezug auf ihre Ursachen und Methoden der Heilung. Nach der Liquidierung des Zigeunerlagers, wofür er selbst plädierte, wurden jüdische Häftlinge Opfer seiner Experimente, die in das KL Auschwitz mit den RSHA Massentransporten zur Vernichtung deportiert wurden. Josef Mengele verließ hat das KL Auschwitz am 18. Januar 1945, einige Tage vor der Befreiung. Die Dokumentationen mit den Ergebnissen seiner Untersuchungen nahm er mit.

Die Sterblichkeitsrate in dem Zigeunerlager war sehr hoch. Der Grund dafür war der Hunger, die Überfüllung des Lagers und die damit verbundenen fatalen hygienischen und sanitären Bedingungen. Die Zigeuner litten unter Fleckfieber, Krätze und anderen ansteckenden Krankheiten. Wegen der Krankheiten starben ca. 7.000 Menschen, darunter ca. 1000 Zigeuner bis Herbst 1943. Unter dem Verdacht des Fleckenfiebers wurden sie in den Gaskammern ermordet. Einige Transporte (insgesamt ca. 3.000 Häftlinge) wurden in andere Lager, die sich auf dem Territorium des III. Reiches befanden gebracht. Ein Teil von ihnen wurde im Oktober 1944 wieder ins KL Auschwitz deportiert und in den Gaskammern ermordet.

Anfang August 1944 gab es im Zigeunerlager nur ca. 3.000 Menschen, hauptsächlich Alte und Kinder, die am 02. August 1944 in die Gaskammer und in das Krematorium V gebracht wurden. Das Familienzigeunerlager wurde komplett liquidiert.
Unter den 23.000 Zigeunern, die ins KL Auschwitz deportiert wurden, sind ca. 20.000 ums Leben gekommen, die anderen wurden in die anderen Lager verschleppt.

Ein Teil der Häftlinge, die in die anderen Lager deportiert wurden, wurden in die Industrie geschickt, einige von ihnen wurden auch in pseudomedizinischen Experimenten misshandelt. Die häufige Ursache der Verlegung aus dem KL Auschwitz waren die Interventionen der Nicht-Zigeuner Familienmitglieder, z.B. der Ehemänner oder der Ehefrauen. Es wurden auch Zigeuner samt ihrer ganzen Familie verlegt, da sie für die Teilnahme an den Front-Kämpfen des I. und des II. Weltkrieges ausgezeichnet wurden und hohe militärische Auszeichnungen besaßen. Vor allem waren es die Mischlinge. Die wenigen Zigeuner, die damit einverstanden waren, sich sterilisieren zulassen, wurden aus dem Lager entlassen.

Das alte Zigeunerlager wurde zum Durchgangslager für Juden umfunktioniert. Das tragische Schicksal der Zigeuner im Lager kann man auf Grund des Hauptbuches der Kanzlei des Zigeunerlagers rekonstruieren. Diese Bücher sind erhalten geblieben und nach dem Krieg als Gedenkbuch der Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau veröffentlicht.

„ZIGEUNERLAGER”

Bearbeitung: Zbigniew Żbikowski
Mitarbeit: Magdalena Ziółkowska, Sylwina Mersztein, Honorata Zapaśnik
Übersetzung: Elżbieta Pasternak
Korrektur: Marco Stadlberger

Helmut Clemens
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1495

Wir hatten vor unserer Verhaftung in den dreißiger Jahren in Hamburg gewohnt. Ich bin damals noch in die Schule gegangen, die ich 1939 mit vierzehn Jahren verlassen habe. Eine meiner Schwestern arbeitete damals in Altona in einer Schokoladenfabrik. Meine andere Schwester, ich glaube es war Anni, wollte eine Lehre machen, aber das war schon nicht mehr möglich

Rudolf Höss
„Kommandant in Auschwitz”
Martin Broszat, dtv, München 1963, S. 160f

Der Reichsführer SS wollte die beiden großen Hauptstämme der Zigeuner unbedingt erhalten wissen – die Bezeichnung der Stämme ist mir nicht mehr geläufig. - Nach seiner Ansicht waren sie Nachfahren der indogermanischen Urvölkern in direkter Linie und hatten sich in Art und Brauchtum ziemlich rein erhalten. Sie sollten nun zu Forschungszwecken erfasst, genau registriert und unter Denkmalschutz gestellt werden. Sie sollten später in ganz Europa gesammelt und ihnen begrenzte Wohngebiete zugewiesen werden.

Franz Wirbel
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1539

Von meinem Vater hatte ich [...] Talent [zum Geigenbau] mitgebracht, ich musste meine Lehre nach 14 Monaten auf Veranlassung der Partei aufgeben. Als Nicht-Gelernter musste ich in einer Maschinenfabrik arbeiten, arbeiten musste jeder Sinto. Als Kinder wurde uns beigebracht, dass wir vom Bürgersteig heruntergehen mussten (sic!), wenn uns Soldaten der SS entgegenkamen (sic!).

Rudolf Höss
„Kommandant in Auschwitz”
Martin Broszat, dtv, München 1963, S. 160

Beim Reichkriminalpolizeiamt befasste sich eine Dienststelle nur mit der Überwachung der Zigeuner. In den Zigeunerlagern wurde laufend nach nichtzigeunerischen Personen gefahndet und diese in die KL als Arbeitsscheue bzw. als Asoziale eingeliefert. Weiter wurden die Zigeunerlager laufend biologisch überprüft.

Franz Wirbel
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1539

1938 im Juni wurden meine beiden älteren Brüder verhaftet, die Verhaftungswelle der Sinti erstreckte sich von Ostpreußen über Westpreußen, Pommern, Mecklenburg, Brandenburg bis Berlin.

Rudolf Höss
„Kommandant in Auschwitz”
Martin Broszat, dtv, München 1963, S. 161

1937/38 wurden alle umherziehenden Zigeuner in sogenannten Wohnlagern bei größeren Städten zusammengezogen, um sie besser überwachen zu können.

Amalie Schaich
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1532

Im September 1939 kam ich mit anderen Sinti-Kindern in das Kinderheim „St. Josefpflege“ nach Mulfingen. Dort wurden wir als „Zigeuner“ zentral zusammengefasst. Mit mir zusammen waren die Geschwister [der Familien] Mai und Winter. Wir dürften etwa 40 Sinti-Kinder in diesem Heim gewesen sein. Betreut wurden wir von den Ordensschwestern und von der Lehrerin Johanna Nägele. Wir erhielten von ihr regulären Unterricht. Die 5. und die 6. Klasse besuchte ich bei der Schwester Amandina. Als wir getrennt waren von unseren Eltern, haben wir zuerst sogar noch Briefe ins Heim gekriegt, aber nur Grüße, alles andere war durchgestrichen. Da hab ich dann die Schwester gefragt: „Warum schicken sie uns den solche Briefe, in denen alles durchgestrichen ist?“ Und damals hab ich ja schon einiges gehört gehabt von den Zuständen im KZ.

Franz Wirbel
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1539

Von 1939 auf 1940 kam der Erlass zur Festschreibung, wonach wir Sinti die Stadt- und Gemeindegrenzen nicht mehr überschreiten durften. Wer nur einen Kilometer die Stadt- oder Gemeindegrenze überschritten hatte, wurde ohne Kommentar ins nächste KZ eingewiesen. Viele, hauptsächlich Frauen, waren auf Hausierhandel angewiesen, weil sie von irgendwas leben mussten, zumal wenn der Mann im KZ war. Dabei wurden viele von der Polizei und Gestapo geschnappt und ins KZ Ravensbrück bei Schwerin eingeliefert.

Wanda Michaelis
„Pro Memoria”, Nr 10, Januar 1999, S. 96

Wir waren zu Hause, da hat es geklingelt und es kamen 4 Gestapo-Männer herein und haben gesagt: „Packen sie (sic!) Ihre Sachen, gerade das, was sie mitnehmen können.“ Diese Aufruhr und diese Angst und diese Panik in unserer Familie! Wir wussten überhaupt nicht, was wir machen sollten, was wir einpacken sollten. Es wurde wahllos etwas in einen Koffer geworfen. Wir kamen dann alle in ein Konzentrationslager für Zigeuner in der Dieselstraße, später in ein anderes Lager in der Kruppstraße, zusammen mit vielen weiteren Sinti-Familien aus Frankfurt und Umgebung.

Amalie Schaich
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1532

In Mulfingen wurden wir oft von einem Mann und einer Frau aufgesucht. Sie kamen vom Rassenhygiene-Institut in Berlin, das die Erfassung und Aussonderung aller Sinti im damaligen Deutschen Reich betrieb. Die Frau hieß Eva Justin. Der Mann war Dr. Ritter. Beide versuchten, mit uns in unserer Sprache, auf Romanes, zu reden. Außerdem führte Frau Justin verschiedene Tests für ihre Doktorarbeit durch. Sie hat die Kinder immer angelockt, dass sie sich fotografieren lassen. Ich habe mich dagegen gewehrt, weil ich das Gefühl hatte, dass man uns mit diesen Versuchen vor den anderen herabsetzten wollte. Der Dr. Ritter und das Fräulein Justin haben uns ja behandelt, als wenn wir nicht ganz normal wären. Dass wir Sinti-Kinder genau so intelligent sind, das passte nicht in ihre Köpfe.

Rudolf Höss
„Kommandant in Auschwitz”
Martin Broszat, dtv, München 1963, S. 161

1942 kam nun der Befehl, dass alle zigeunerischen Personen, auch die Zigeunermischlinge im Reichsgebiet verhaftet und nach Auschwitz transportiert werden sollten, gleich welchen Alters und Geschlechtes. Ausgenommen waren davon nur die reinen, anerkannten Zigeuner der beiden Hauptstämme, diese sollten im Ödenburger Bezirk am Neudiedlersee sesshaft gemacht werden.

Franz Wirbel
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1539

Wer in Süddeutschland verhaftet wurde, wurde nach Dachau deportiert, alle anderen Sinti wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen/Oranienburg eingeliefert.

Aloise Blumaier
Häftlingsnummer Z - 1199
„Pro Memoria“, Nr 10, Januar 1999, S. 90

Es geschah irgendwann Anfang 1943, als Gendarmen aus Cerna Hora kamen, um uns zu holen. Bis heute weiß ich, wie sie zu Papa sagten: „Ištvan, nichts zu machen. Wir haben Befehl euch nach Brünn abzuführen. Dort hat man uns einige Tage in Pferdestellen festgehalten. Wir lagen auf dem Boden, wo nur spärlich Stroh gestreut war. Essen hatten wir noch von Zuhause mitgebracht.

Franz Rosenbach
„Pro Memoria“, Nr 10, Januar 1999, S. 99

Ich war damals bei der Bahn angestellt und bin bei einer großen Razzia direkt von meinem Arbeitsplatz weggeholt worden. Zusammen mit meiner Mutter, ihrem Bruder sowie dessen Kinder sind wir zunächst nach Wien ins Gefängnis gebracht worden, wo wir ungefähr zwei Monate waren. Da ging es fürchterlich zu. Jeden Tag wurden Leute im Keller geköpft, und wir mussten die Köpfe in Körben wegtragen.

Elisabeth Guttenberger
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1501

Im März 1943 wurden wir verhaftet. Morgens, früh um sechs Uhr, kam die Polizei und hat uns mit Lastwagen abgeholt. Ich war damals gerade siebzehn Jahre alt.

Helmut Clemens
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1494

Am 12. März 1943 um ca. 4 Uhr morgens wurden wir von zu Hause von der Gestapo mitgenommen: meine Eltern, ich, Schwester Ani und Bruder Willi Karl.

Rudolf Höss
„Kommandant in Auschwitz”
Martin Broszat, dtv, München 1963, S. 161

Nun waren aber die Richtlinien, nach denen die Verhaftungen vorgenommen wurden, nicht präzise genug erteilt worden. Die einzelnen Kripostellen legten sie verschieden aus und dadurch kam es zu Einweisungen von Personen, die auf keinen Fall zu dem Kreis der zu Internierenden gerechnet werden konnten. Man hatte vielfach Fronturlauber verhaftet, die hohe Auszeichnungen hatten, die mehrfach verwundet waren, der Vater oder Mutter oder Großvater usw. aber Zigeuner oder Zigeuner-Mischlinge waren. Sogar ein uralter Parteigenosse war darunter, dessen Großvater als Zigeuner in Leipzig zugewandert war, er selbst hatte ein großes Geschäft in Leipzig und war mehrfach ausgezeichneter Weltkriegs-Teilnehmer. Auch war eine Studentin, die in Berlin BdM-Führerin war, darunter. Und dergleichen Fälle mehr.

Amalie Schaich
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1532

Am 9. Mai 1944 mussten wir morgens unsere Sachen packen und bekamen noch ein Frühstück. Und dann kam der Postbus. Der Abtransport war ein Chaos. Wie alle Kinder geweint haben... Denn irgendwie instinktiv, haben wir gespürt, da ist etwas im Gang. Aber was? Offiziell hat man uns halt bloß gesagt: „Dort wo ihr hinkommt, geht’s euch gut.“ Am Abend vorher war ja extra noch der Pfarrer gekommen, zur Notkommunion. Da waren kleine Kinder dabei, die noch gar nicht begreifen konnten, was eine Heilige Kommunion ist. Ich habe die Schwester Aurelia gefragt: „Was soll das? Es ist doch kein Weißer Sonntag? Warum kriegen die Kinder Erstkommunion?“ Aber sie hat mir nicht geantwortet. Heute glaube ich schon, dass sie etwas gewusst hat.

Ludwina Schmidt
Häftlingsnummer Z-1505
Niedergeschrieben in Oświęcim am 23. September 1991 (S. 110)

Ins Lager Auschwitz-Birkenau wurde ich mit der ganzen Familie am 08.03.1943 mit dem Sammeltransport aus Deutschland, aus Halle geschickt, wo wir bis zu dem Moment der Verhaftung von der lokalen Gestapo gewohnt haben. Einige Tage vor dem Transport ins KL Auschwitz wurden wir in dem Sammellager in Halle festgehalten, wo z.B. unsere Personaldaten niedergeschrieben wurden und jede einzelne Person fotografiert wurde.

Franz Rosenbach
„Pro Memoria“ Nr 10, Januar 1999, S. 99

Das hieß es, wir kämen auf (einem) Transport nach Auschwitz.

Aloisie Blumaier
Häftlingsnummer Z-1199
„Pro Memoria“  Nr 10, Januar 1999, S. 90

...so wurden wir nach zwei oder drei Tagen dem Transport angeschlossen.

Julius Hodosi
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1508

Zusammengepfercht, ohne Essen, ohne Wasser, ohne Licht, fuhren wir ins Ungewisse.

Elisabeth Guttenberger
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1501

Als wir nach Auschwitz deportiert wurden, blieb unser Zug aus irgendeinem Grund plötzlich stehen. Aus der Gegenrichtung kam auch ein Zug, der genau neben uns gehalten hat. Da konnten wir dem Lokführer direkt ins Gesicht sehen, und mein Vetter fragte ihn: „Sagen Sie mal, wo ist das, was ist das dieses Auschwitz?“ Ich vergesse niemals die Augen dieses Lokführers. Er hat uns angestarrt und kein Wort herausgebracht.

Helmut Clemens
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1495

Wir schauten oben durch die Öffnungen der Viehwaggons, durch den Stacheldraht, mit dem sie gesichert waren, und sahen Lastwagen voller Leichen vorabeifahren, ich sah Lichter, sah die Totenköpfe auf den Mützen der SS Leute.

Julius Hodosi
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1508

Als sich endlich die Waggons öffneten, empfing uns die SS mit Schlägen und Bluthunden – wir waren am Ziel. In diesem Augenblick hörten wir auf, Menschen zu sein.

Aloisie Blumaier
Häftlingsnummer Z-1199
„Pro Memoria“ Nr 10, Januar 1999, S. 90

SS-Leute mit Hunden haben uns von den Waggons herausgetrieben und weiter ging es zu Fuß.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1514

Dauernd schrie die SS: „Aufgehen!- Aufgehen!- Aufgehen!“ Da wir mit diesem Befehl nichts anzufangen wussten, wurden wir geschlagen und zu Fünferreihen zusammengestoßen.

Wanda Michaelis
„Pro Memoria“ Nr 10, Januar 1999, S. 96

SS-Männer mit Hunden und Gewehren schrien: „Raus, alles raus! Die Frauen links, die Männer rechts! Die Kinder zu den Müttern!“ Da war die Angst groß. (Die Familie wurde auseinandergerissen...)

Franz Rosenbach
„Pro Memoria“ Nr 10, Januar 1999, S. 99

Ich hatte mir Auschwitz ganz anders vorgestellt. Uns war ja von den Behörden immer vorgemacht worden, wir könnten dort arbeiten und würden dort angesiedelt werden.

Aloisie Blumaier
Häftlingsnummer Z-1199
„Pro Memoria“ Nr 10, Januar 1999, S. 90

Rund herum gab es Stacheldraht und dazwischen Baracken: Eine nach der anderen. Als wir schon das Zigeunerlager, das aus zwei Barackenreihen bestand, betreten hatten – ging es mit der Aufteilung los. Meine Familie kam in eine Baracke, die sich in der Mitte einer dieser Reihen befand. Drinnen gab es Pritschen, wenn ich mich richtig erinnere in drei Etagen. Unsere Familie bekam die untere Pritsche – Mutter, Vater, Bruder und ich.

Else Baker
„Pro Memoria“ Nr 10, Januar 1999, S. 104

An die Nummer der Baracke kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber ich weiß noch, dass auf der einen Seite das Krematorium war und auf der anderen Seite die Küche, die Toiletten waren auf der Krematoriumseite. Da ging ein ziemlich tiefer Graben mit nicht sehr viel Wasser hindurch. Zum Zudecken bekamen wir Wolldecken, die waren bestimmt noch nie gewaschen worden, sie waren regelrecht steif. Ich hatte noch nie in meinem Leben Wolldecken gesehen ohne Bettwäsche.

Aloisie Blumaier
Häftlingsnummer Z-1199
„Pro Memoria“ Nr 10, Januar 1999, S. 91

Nach dem Einquartieren mussten wir in einen Block, wo auf den Unterarmen die Nummern eintätowiert wurden.

Julius Hodosi
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1508

Wir waren nur noch Nummern. Alles, was wir hatten, wurde uns abgenommen. Allen, auch den Frauen und Kindern wurden die Haare geschoren. Allen, auch meinen zwei kleinen Mädchen, wurden Nummern eintätowiert.

Aloisie Blumaier
Häftlingsnummer Z-1199
„Pro Memoria“ Nr 10, Januar 1999, S. 91

Am nächsten Tag wurden unsere Harre geschnitten und anschließend wurden wir in die „Sauna“ hineingetrieben.

Franz Rosenbach
„Pro Memoria“ Nr 10, Januar 1999, S. 99

Ich erinnere mich noch genau: Ich trug weiße Schuhe, einen Hut, eine Krawatte und einen Anzug. Wir mussten in eine Kammer hinein, dort wurde uns alles abgenommen. Als ich dagegen protestierte, habe ich sofort meine ersten Schläge bekommen. Wir mussten uns völlig ausziehen, auch die Frauen; und die Haare wurden abgeschnitten. Zwei Frauen haben die Wäsche ausgeteilt. Ich habe eine Unterhose bekommen, die war total zerrissen und [ich] habe zunächst gesagt, so etwas kann man doch nicht anziehen. Doch schließlich blieb mir nichts anderes übrig.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1512

Wir wurden kahlgeschoren, mussten uns entkleiden, wurden mit einer öligen Flüssigkeit eingeschmiert und mussten dann ins Bad. Jedem wurde ein Fetzen hingeworfen. Ich bekam ein schwarzes Kleid, das mir bis zu den Knien reichte und kurze Ärmel hatte. So ein Kleid mussten wir drei bis vier Monate tragen.

Franz Rosenbach
„Pro Memoria“ Nr 10, Januar 1999, S. 99

Nebenan war das Judenlager, getrennt durch einen Stacheldrahtzaun. In einer Baracke waren 500 bis 600 Mann! Es gab auch keine Betten, sondern nur Buchsen, darin lagen wir dicht gedrängt wie die Heringe. Es gab keinen Strohsack, eine Decke war schon Luxus und in der Mitte stand angeblich ein Ofen, aber geheizt wurde nie; die Nässe und Kälte waren kaum auszuhalten.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1514

Dann kamen wir in die Pferdebaracken. Ohne Decken, ohne Verpflegung blieben wir tagelang hier. [...] Die Verpflegung in Birkenau bestand aus ¼ Liter Wasser, in dem Steckrüben schwammen, ¼ Liter Tee und einer Scheibe Brot.

Julius Hodosi
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1508

Schon am fünften Tag sahen wir, dass es noch schlimmer gibt, als fast nichts zu Essen zu bekommen. 300 Burgenländer wurden für die Vergasung ausgesucht und gleich vergast.

Elisabeth Guttenberger
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1501

Das „Zigeunerlager“ lag im Lagerabschnitt Birkenau, zwischen dem Männerlager und dem Häftlingskrankenbau. In diesem Bereich standen 30 Baracken, die man Blöcke nannte. Davon gingen Küchen, Krankenstuben und Waschraum ab. In den restlichen Baracken waren mehr als zwanzigtausend „Zigeuner“ untergebracht. Die Baracken hatten keine Fenster, sondern nur Lüftungsklappen. Der Fußboden war aus Lehm. In einer Baracke, die vielleicht für zweihundert Menschen Platz gehabt hätte, waren oft 800 und mehr untergebracht.

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B. 15, S. 58-59

An der rechten Seite der Lagerstraße waren gerade Nummern, an der linken Seite ungerade. Mitten in der Wohnbaracke verlief ein Ziegelofen. Er trennte die Baracke in zwei Teile, gleichzeitig bildete einen langen Tisch. An beiden Seiten standen dreistöckige Pritschen. Die Zigeuner wohnten mit ihren Familien. Eine Pritsche war die Wohnung für die ganze Familie.

Jan Kwiatkowski
Häftlingsnummer Z-5573 APMA-B
APMA-B, Oświadczenia, B. 3, S. 399

Als ich ins Lager kam, war es noch nicht vollständig umzäunt. Erst später, ungefähr im Sommer hat man den Stacheldrahtzaun fertig gestellt, der dann mit Strom geladen war. Ich kann mich erinnern, an den Moment als ich ins Lager gekommen bin, gab es im Lager einen Matsch, in dem ich bis zu den Knöcheln versank.

Marian Perski
APMA-B, Oświadczenia, B. 61, S. 198

Der anfängliche Mangel an Wasser in der Baracken verursachte, dass die Zigeuner das Regenwasser benutzt haben, indem sie es aus den Regenpfützen geholt haben; es gab ja viele nach dem Regen.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B. 13, S. 58

Unter den Zigeunern, die im Lager BIIe konzentriert wurden, gab es deutsche, österreichische, tschechische, slowakische, jugoslawische, belgische, holländische und polnische Zigeuner. Im Lager gab es weniger polnische Zigeuner, weil diese, die mit großen Transporten gekommen sind, z.B. aus Białystok, in den Gaskammern ermordet wurden. Die größte Gruppe im Lager bildeten die deutschen Zigeuner (zu denen haben die Lagerbehörden auch österreichische Zigeuner zugerechnet).

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B. 15, S. 58-59

Als ich ins Zigeunerlager kam waren einige Baracken noch leer. Die Zigeuner wurden der Reihe nach als ganze Transporte nach der Ankunft im Lager einquartiert. In den Baracken gab es keine Heizung. Es gab damals noch kein Wasser im Zigeunerlager. Zwei Wochen lang habe ich mich gewaschen mit schwarzem Kaffee, den wir in den Becher bekamen. Im Laufe von 2 Wochen wurde Wasser zu den Waschräumen geleitet. In der Baracke des Waschraumes befand sich auch ein Bekleidungsmagazin mit der Unterwäsche. Im Lager gab es eine Latrine. Es war eine Holzbaracke, in der Mitte war ein Graben und ein Geländer. Später hat man Latrinenbaracken und die „Sauna“ gebaut.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B. 13, S. 58

Die Zigeuner kamen ins Lager mit ihrem ganzen Hab und Gut. Man hat ihnen nichts weggenommen. Im Lager trugen sie die eigene, zivile Kleidung. Man hat ihnen die Harre nicht abgeschnitten. Im Zigeunerlager standen sehr viele Zigeunerwagen.

Halina Latowa (Mädchenname Wysocka)
APMA-B, Oświadczenia, B. 46, S. 2

Das Zigeunerlager war ein Familienlager. Die einzelnen Familien hausten in den Kojen. Die Zigeuner besaßen eigene Musikinstrumente und auf Befehl von SS-Männern mussten sie abends Konzerte geben. Zum Zigeunerlager kam oft der Lagerkommandant Rudolf Höss persönlich.

Marian Perski
Häftlingsnummer 11036
APMA-B, Oświadczenia, B. 61, S. 197

Die Zigeuner wohnten mit den Familien, sie arbeiteten nicht, gingen zwischen den Baracken spazieren und hockten vor ihnen herum. Man hat ihnen erlaubt, Musikinstrumente beizubehalten, deshalb musizierten sie in den Baracken, auf Befehl der SS-Männern haben sie Konzerte unter freiem Himmel gegeben.

Marian Markiewicz
APMA-B, Oświadczenia, B. 54, S. 3

Nicht weit von dem Block, wo ich eingesperrt war, befand sich das Zigeunerlager. Wir haben uns gewundert, dass es den Zigeunern erlaubt wurde, nicht zu arbeiten - trotzdem haben sie Essensrationen zugeteilt bekommen.

Marian Perski
Häftlingsnummer 11036
APMA-B, Oświadczenia, B. 61, S. 197

Nur eine kleine Gruppe wurde bei der Verbesserung der Lagerstraßen und der Sauberhaltung eingestellt.

Jan Kwiatkowski
Häftlingsnummer Z-5573
APMA-B, Oświadczenia, B. 3, S. 399

Ich habe Zigeuner gesehen, die beim Auswalzen der Lagerstraße im Zigeunerlager gearbeitet haben.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B. 13, S. 65

Im Zigeunerlager gab es keinen Arbeitszwang. Die Zigeuner haben im Lager gearbeitet, beim Bau der Lagerstraße und bei verschiedenen Arbeiten, die mit der Errichtung des Lagers verbunden waren. Die Arbeitsfähigen fuhren mit den Wagen, um Sand, Steine und Rasensode zu holen, die zum Bau der Lagerstraße mitten im Zigeunerlager gebraucht wurden. Die Zigeunerinnen gingen jeden Tag heraus, um Kräuter für die Lagersuppe zu holen. Sie haben es am Fluss Weichsel gesammelt, sowie auf dem Gelände des späteren Lagerabschnittes „Mexiko“. Unter den Kräutern überwog die Brennesel, die der Hauptbestandteil der Lagersuppen war.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1514

(...) Wir Burgenländer wurden zu den schwersten Arbeiten herangezogen, denn das Lager wurde ausgebaut. Meine Schwester war damals 7 Jahre alt, aber sie musste schwere Ziegel tragen. Ich selbst arbeitete einmal beim Straßenbau, dann bei den Baracken. Ich war auch bei einem Außenkommando bei einer Staniolflechterei eingesetzt. Wozu das Staniol geflochten werden musste, weiß ich nicht. Bei der Arbeit in der Staniolflechterei hatten wir Sprechverbot.

Maria Peter
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1521

In Birkenau mussten wir alle Sklavenarbeit machen, ich musste dort beim Bau der Straßen und Wege arbeiten, und hatte hierfür die schweren Steine herbeizutragen.

Franz Rosenbach
„Pro Memoria’, Nr 10, Januar 1999, S. 100

Ich wurde eingeteilt zum Kommando Kanalbau in Birkenau, da war ich erst 15 oder 16 Jahre alt. Ich habe immer versucht, mich hinter den großen Männern zu verstecken. Es gab keine Schuhe, keine Strümpfe, und es hat gestürmt und geregnet. Alles war nass und wir mussten ununterbrochen Lehm schaufeln. Der Kanal war etwa 2,5 Meter tief und über uns stand ein Kapo mit einem großen Stock und hat uns angetrieben: „Schneller, schneller!“ um 12 Uhr war Pause, man hatte einen Blechnapf bei sich, und wer sich bei der Essensausgabe nicht gerade hinstellte, bekam sofort den Teller auf den Kopf. Nach einer halben Stunde Pause mussten wir wieder arbeiten, bis vier oder fünf Uhr, je nach Jahreszeit. Dann wurden wir abgezählt und gingen in die Blocks zurück. Und jeden Abend wurden die Namen der Toten bekanntgegeben.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B. 13, S. 58

Im März 1943 wurde in dem Zigeunerlager nach dem Abendappel die „Blocksperre“ angeordnet und man hat aus den Blocks 20 und 22 alle Zigeuner aus Białystok: Männer, Frauen und Kinder zur „Entlausung“ ausgeführt. Sie wurden zu den Gaskammern gebracht, wo sie mit Gas getötet wurden. Es waren ca. 1700 Personen. In die Lagerevidenz wurden sie nicht einbezogen.

Elisabeth Guttenberger
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1501f

Mit vielen anderen Frauen musste ich schwere Steine zum Bau des Lagers tragen. Die Männer mussten die Lagerstraße bauen. Auch alte Männer, ob sie krank waren oder nicht. Egal. Man hat sie alle herangezogen. Mein Vater war damals einundsechzig. Darauf hat man keine Rücksicht genommen. Auf Nichts und Niemand.

Rudolf Höss
„Kommandant in Auschwitz”
Martin Broszat, dtv, München 1963, S. 163f

Trotz der widrigen Verhältnisse hat das Gros der Zigeuner, so viel ich beobachten konnte, psychisch nicht besonders unter der Haft gelitten, wenn man von dem nun gefesselten Wandertrieb absieht. Die Enge der Unterbringung, die schlechten hygienischen Verhältnisse, z. T. auch die mangelhafte Ernährung waren sie in ihrem primitiven bisher geführten Leben gewöhnt. Auch Krankheit und die hohe Sterblichkeit nahmen sie nicht so tragisch. Sie waren eben ihrem ganzen Wesen nach Kinder geblieben, sprunghaft in ihrem Denken und Handeln. Sie spielten gerne, auch bei der Arbeit, die sie nie ganz ernst nahmen. Sie mochten auch dem Schwersten die leichte Seite abgewinnen. Sie waren Optimisten. Ich habe bei den Zigeunern nie finstere, hasserfüllte Blicke beobachtet. Kam man ins Lager, so kamen sie sofort aus ihren Baracken, spielten Instrumente, ließen die Kinder tanzen, machten ihre üblichen Kunststückchen. Mir kam es immer so vor, als wenn ihnen die Haft so gar nicht so recht zum Bewusstsein gekommen wäre.

Franz Rosenbach
„Pro Memoria“, Nr 10, Januar 1999, S. 99f

Schon in aller Frühe mussten wir aufstehen, dann bekamen wir als Frühstück eine Brühe - Kaffee konnte man dazu nicht sagen. Wenn man noch ein wenig Brot hatte vom Vorabend war es gut, denn sonst gab es nichts. Dann wurde abgezählt, alle mussten sich vor die Buchsen stellen. Diejenigen, die zum Arbeitskommado eingeteilt waren, mussten heraustreten. Draußen auf der Lagerstraße wurde nochmals abgezählt. Wehe es hat einer gefehlt, denn es gab immer wieder Kranke, die sich verkrochen haben und dann vermisst wurden, die waren vor Entkräftung bereits halb tot.

Aloise Blumaier
Häftlingsnummer Z-1199
„Pro Memoria”, Nr 10, Januar 1999, S. 91

Der Tag begann mit dem Appell; er bestand darin, dass sich alle in Reihen aufstellen mussten, und anschließend hatte jeder seine Nummer zu melden. Für die Kranken gaben die Ärzte die Nummern an, für Kleinkinder die Mütter. Wir mussten sehr früh aufstehen, zum Frühstück haben wir eine dünne Flüssigkeit bekommen – man konnte es kaum Kaffe nennen. Wenn man etwas Brot vom letzten Abend hatte, dann war es gut, weil wir nichts anderes zum Essen bekommen haben. Dann wurden wir gezählt, alle mussten sich vor die Kojen hinstellen. Diese, die bestimmt wurden, wurden gezählt. Wehe, falls jemand gefehlt hat, dann mussten wir alle stehen, und es ist immer wieder passiert, dass sich die Kranken versteckt haben und sie haben gefehlt, weil sie wegen des Kraftmangels halb tot waren.

Wanda Michaelis
„Pro Memoria” Nr 10, Januar 1999, S. 97

Wir mussten manchmal Appell stehen von morgens um 6 bis um 11 und wurden geschlagen und wurden getreten. Wir standen oft im Regen, im Matsch oder mussten rennen, uns hinwerfen, und wurden als „Schweine wie seht ihr aus?“ bezeichnet.

Aloise Blumaier
Häftlingsnummer Z-1199
„Pro Memoria”, Nr 10, Januar 1999, S. 91

Nach dem Appell wurden die meisten Häftlinge, Männer und Frauen, zur Arbeit getrieben. Unsere Beschäftigung war das Gelände unter den neuen Baracken zu ebnen, Gräben auszuheben und Ton und Steine von einem Platz zum anderen mittels sog. Tragen zu schleppen. Abends, nach der Beendigung dieser immer gleichen, sinnlosen Arbeit, gab es wieder Appell; nun wurden vom Gesamtstand die Verstorbenen und die von den SS-Leuten oder Kapos Getöteten abgezogen. Am Schlimmsten waren die Abendappelle, wenn sich herausstellte, dass einer der Häftlinge zu flüchten versuchte (sic!). Ich erinnere mich an so einen Fall. Ich weiß nicht, ob der Flüchtling gefangen und erschossen worden ist, wir sind jedenfalls streng bestraft worden. Wir mussten auf Kommando zu Boden fallen und aufstehen. Vor den Baracken lagen Steine, Ziegelstücke und anderer Müll verstreut. Wenn jemand den Befehl zu langsam ausführte – wurde er von einem SS-Mann erwischt mit der Peitsche geprügelt (sic!). Ich wollte nicht erwischt werden, so führte ich die Kommandos schnell aus, aber meine Knie waren gänzlich verletzt.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B. 13, S. 58

An einem Tag hat der SS-Hauptscharfführer Harder befohlen, den Zigeunern bekannt zu machen, es sollten sich diese melden, die heiraten möchten. Auf die Aufforderung von Harder haben sich 15 Männer gemeldet. Harder sollte eine kurze Rede für sie halten, es wird eine Heiratszeremonie nach deutscher Art und nicht nach der Zigeunerart durchgeführt. Dann begann er sie zu verspotten und mit der Peitsche zu schlagen. Er hat sie an Hoden geschlagen. Sie sind in Ohnmacht gefallen und wurden weggetragen.

Aloise Blumaier
Häftlingsnummer Z-1199
„Pro Memoria”, Nr 10, Januar 1999, S. 92f

Die Arbeit in der Küche beaufsichtigte ein eleganter, gut aussehender und schlanker SS-Mann. Er spazierte zwischen uns hin und her, schwenkte seinen Schilfstock und schlug uns damit erbarmungslos. Er kam auch zu den Frauen und zwickte sie; je lauter sie vor Scherz schrien, desto mehr misshandelte er sie. Das Quälen machte ihm Spaß, er war ein Sadist. Ich habe es bald begriffen, so biss ich meine Zähne zusammen als er mich schlug oder zwickte und schrie nicht, obwohl mir Tränen aus den Augen flossen. Es war wohl wirksam, weil er aufgehört hat, sich für mich zu interessieren. Eines Tages wollte der Sadist die Nahrung in den Vorratskammern prüfen. In einer der Kammern stieß er während der Kontrolle auf einen Lappen. Sofort wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, um den Besitzer dieses Gegenstandes festzustellen. Doch keine der Frauen wollte etwas damit zu tun haben. In Anbetracht dessen wurden alle Frauen, die zu diesem Zeitpunkt ihren Dienst in der Küche leisteten, mit Prügel von jeweils 25 Schlägen bestraft.

Josef Reinhardt
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1525

Einmal in der Nacht an der Rampe, das war dann immer taghell von den Scheinwerfern, da kam ein Transport, da waren auch zwei junge Frauen dabei, sehr, sehr schön und elegant gekleidet. Die haben die SS- Leute bei der Selektion zur Seite genommen, in ihre Unterkünfte. Die wurden nie wieder gesehen. Die haben sie hinterher einfach erschossen.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1514

Besonders schlimm für uns war es auch, dass wir uns dauernd von den SS-Männern in unbekleidetem Zustand anstarren lassen mussten. Ein SS- Oberscharführer in Block 8 nahm sich Frauen, wann und wo es ihm passte – Die Männer und die anderen Familienmitglieder mussten nur „wegschauen“.

Marian Perski
Häftlingsnummer 11036
APMA-B, Oświadczenia, B. 61, S. 197

Die SS-Männer kamen oft zu verschiedenartiger Unterhaltung ins Lager zu den Zigeunerinnen, die sie sich früher ausgesucht hatten. Unter anderem kamen Palitzsch, Grabner und sogar Boger.

Maria Peter
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1522

An den SS-Mann König kann ich mich noch sehr gut erinnern, ich bin ja von ihm geschlagen worden. Er war ja fast bei jeder Erschießung dabei, er war ja auch immer dabei, wenn ein neuer Transport ankam. (...)

Als mich König geschlagen hatte, hab ich mich gewehrt. Es war wegen der Kinder von meiner Schwester Josefine, sie hatte für ihre Kinder kein Essen bekommen. Die Kinder haben dauernd geweint, weil sie nichts zu essen bekommen haben. Ich habe gesehen – auch die anderen haben es gesehen- wie der König der Schwester des Blockältesten eine Kiste voll mit Lebensmitteln gab. Und die Kinder bekamen nichts zu essen! Ich wollte doch nur, dass die Kinder etwas zu essen bekommen. Also habe ich mich beschwert. Es war an dem Tag als höhere SS-Leute in das Lager kamen, um es zu besichtigen. (...) Als die Besichtigung zu Ende (sic!) war, kehrten wir wieder in unsere Baracken zurück. Es dauerte aber dann nicht lange, bis der Blockälteste kam und meine Nummer aufrief. Ich musste in die Schreibstube gehen, da stand schon der SS-Mann König, breitbeinig, eine Hand in der Jacke, in der anderen eine mit Leder überzogene Peitsche, mit der er auf seinen Stiefel schlug. Ich habe mich gemeldet und meine Nummer genannt. Dann trat König auf mich zu und gab mir eine Ohrfeige, die so stark war, dass ich zu Boden fiel. (...) König brachte mich in eine andere Baracke- ich glaube es war die Schreinerei. Auf seinen Befehl hin musste ich mich nackt ausziehen und einen nassen Badeanzug für Männer aus einem Bottich mit einer dunklen Flüssigkeit holen und anziehen. Ich musste mich auf den Bock legen und dabei zählen. Ich habe wohl bis sieben gezählt, das weiß ich noch ganz genau, so als sei es eben erst geschehen, ich habe gezählt und gezählt, dann habe ich die Stockschläge erhalten, ich musste immer weiter zählen, und abwechselnd habe ich gezählt und vor Schmerz geschrien. Ich dachte, dass ich das nicht überleben werde. (...) Während er so auf mich einschlug, sagte er zu mir – diese Worte werde ich mein Leben lang nicht vergessen: „Du verreckst in meinen Händen.“

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1515

Wir hörten schon, dass ein Zivilarzt gekommen sei, der an den Frauen Versuche vornimmt. Da ich jung war, kam auch ich dazu. So standen wir, ca. 15 Mädchen, in der Baracke und warteten. Ich sah, dass die Frauen, die rauskamen, bluteten und litten. So befiel mich und auch die Anderen große Angst, dass wir gemeinsam aus dem Block flohen, nichts konnte uns halten. Für diese Flucht bekamen wir folgende Strafe: Sechs Wochen lang mussten wir jeden Tag eine Stunde lang in kaltem Wasser stehen. Unten war ein kaltes öliges Wasser, von oben wurde aus Duschen kaltes Wasser auf uns heruntergelassen.

Alfred Galewski
APMA-B
Proces Hössa, B. 211, S. 20-21

Als ich ins Zigeunerlager gekommen bin befanden sich dort laut meiner Rechnungen ca. 17.000 Menschen, sowohl Männer, Frauen als auch Kinder und nach der Untersuchung habe ich festgestellt, dass es 2000 Kranke gab. Als Krankheiten habe ich Fleckfieber, Distrophie Alimentaris 1, Malaria und Typhus festgestellt. Es gab auch Durchfall, jedoch hatte ich leider wegen der mangelnden Mittel keine Möglichkeit gehabt, um festzustellen, ob es Vorfälle der Desinterie waren. In der Zeit vom März 1943 bis November 1943 sind in dem Zigeunerlager 7.000 Personen an Fleckfieber gestorben.

Marian Perski
Häftlingsnummer 11036
APMA-B, Oświadczenia, B. 61, S. 198

Ende 1943 begannen sie an Typhus zu erkranken. Die Sterblichkeit war sehr groß.

Elisabeth Guttenberger
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im KonzentrationslagerAuschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1502

Zuerst starben die Kinder. Tag und Nacht weinten (sic!) sie nach Brot.

Julius Hodosi
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1508

Für alle Kinder war das Lager der sichere Tod. Es gab kein nahrhaftes Essen, es gab keine Milch, es gab nichts, was ein Kind zum Aufbau seines Körpers braucht. Dazu das unruhige Leben. Keine Minute war man sicher. Stundenlanges Appellstehen in der Nacht – auch für kleine Kinder - machte aus uns gehetzte, gequälte Wesen. Oft machte sich die betrunkene SS einen Spaß. Sie ließen uns antreten und suchten diejenigen aus, die ins Gas sollten. Einmal stimmte es, ein anderes Mal wieder nicht.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1514

Ein junger SS-Mann, der offensichtlich erst nach Auschwitz-Birkenau gekommen war, war über das Aussehen der Kinder so ergriffen, dass er schnurstracks in die Brotkammer ging und für die Kinder einige Brote brachte. Am nächsten Tag war der SS-Mann, der sein menschliches Herz bewahrt hatte, nicht mehr da. Was mit ihm geschehen ist, weiß ich nicht.

Elisabeth Guttenberger
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1502

Auch die Kinder, die in Auschwitz zur Welt gebracht wurden, haben nicht lange gelebt. Das einzige worum sich die SS bei den Neugeborenen gekümmert hat, war, dass man sie ordnungsgemäß tätowiert hat. Die meisten starben wenige Tage nach der Geburt. Es gab keine Pflege keine Milch, kein warmes Wasser, geschweige den Puder oder Windeln.

Marian Perski
Häftlingsnummer 11036
APMA-B, Oświadczenia, B. 61, S. 197

In der Anfangszeit als die Zigeunerfamilien gebracht wurden, haben die Kinder besseres Essen bekommen. Ich weiß, dass sie zum Trinken Kakao bekommen haben. Es hat aber sehr kurz gedauert.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B. 13, S. 64-65

Die Neugeborenen (bis zum ersten Lebensjahr) bekamen eine Essenstagesration, die aus einem Liter Milch, Grütze in Milch mit Zucker und Butter bestand. Die Kinder vom ersten zum dritten Lebensjahr bekamen täglich 1 Liter Milch, 1 Liter Suppe. Die Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren bekamen täglich: 1 Liter Milch, weißes Brot, 5 Dekagramm Butter, Konfitüre, Rosinen, Feigen oder Schokolade und Suppe mit Kalbsfleisch. Die stillenden Mütter haben außer der normalen Ernährung 1 Liter Milch, 7 Dekagramm Butter, 2 Dekagramm Vollfettkäse und weißes Brot bekommen. Die normale Ernährung in dem Zigeunerlager hat sich von der Ernährung in den übrigen Lagern nicht unterschieden. Ein Teil der Produkte, die für die Kinder vorgesehen waren, haben die SS-Leute genommen.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1514

Da wir alle zur Arbeit mussten, war mein kleiner, dreijähriger Bruder sich selbst überlassen. Bekam er etwas zu Essen, war es gut, bekam er nichts – und meist bekam er nichts – war eben auch nichts zu ändern. [...] Niemals hat der kleine Bub seine Mutter um Brot gebeten. So klein er war, er hatte begriffen, dass ihm die Mutter keines geben konnte. Er hat das Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau nicht überlebt.

Elisabeth Guttenberger
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1502

Die größeren Kinder ab zehn Jahre mussten für den Bau der Lagerstraße Steine schleppen, - bei diesem Hunger, wo doch täglich Kinder verhungert sind.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1514

Man quälte uns. Oft mussten wir stundenlang hüpfen, uns in Dreck legen.

Ludwina Schmidt
Häftlingsnummer Z-1505
APMA-B, Oświadczenia, B. 126, S. 111, 112

Nach ungefähr einem Monat des Aufenthaltes im KL Auschwitz, wurden sie von uns weggenommen, mein jüngeres Schwesterchen Johanna und mein Brüderchen Erdman. Wir haben sie nicht mehr gesehen. Dann starb mein jüngstes Brüderchen. Das Lager in Auschwitz hat auch mein jüngstes Schwesterchen, Theresa nicht überlebt. In Birkenau ist noch ein Kind von unserer Familie ums Leben gekommen, es ist im Lager geboren, weil meine Mutter, als sie verhaftet wurde schwanger war. Die Mutter sagte uns, dass das Kind gleich nach der Geburt getötet wurde.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1514

[Die Kinder] starben wie die Fliegen.

Rudolf Höss
„Kommandant in Auschwitz”
Martin Broszat, dtv, München 1963, S. 160f

Die Kinder richtig zu ernähren war schon gar nicht möglich, obwohl ich mich eine Zeitlang – auf den RFSS- Befehl berufend, bei den Ernährungsämtern durchschwindelte und Nahrungsmittel für Kleinkinder erhielt. Dies fiel aber bald weg als vom Ernährungsministerium jegliche Kindernahrungsmittel für KL abgelehnt wurden.

Marian Perski
APMA-B, Oświadczenia, B. 61, S. 198

Für Zigeunerkinder hat man einen Garten mit „Spielzeug“ errichtet, jedoch gab es dort nur einen Sandkasten.

Else Baker
„Pro Memoria“, Nr 10, Januar 1999, S. 104

Zur Arbeit wurde ich nicht herangezogen, ich war ja noch ein Kind. [...] Ich bin im Lager herumgegangen und habe versucht, mich zu beschäftigen. Dabei bin ich auch nahe an den Draht an der Krematoriumseite gegangen. Dort habe ich die langen Schlangen von Menschen gesehen, die zum Krematorium wanderten. Irgendwann habe ich auf dem Lagergelände ein Stück Glas gefunden von einer starken Brille, eine Linse, das war mein Spielzeug: Ich habe die Sonne darauf scheinen lassen und Gras angebrannt. Es gab auch eine Holzhütte, darin war ein Astloch und ich konnte hindurchgucken. Als Kind macht man das ja, vor allem, wenn man Langeweile hat. Zunächst konnte ich überhaupt nicht verstehen, was ich da sah: es waren Leichen mit weißem Kalk bestreut, alle lagen durcheinander. Als Kind konnte ich mir gar nicht vorstellen, was das war.

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B. 15, S. 62

Im Zigeunerlager gab es Fälle von Kannibalismus. Hinter der Baracke 30 befand sich eine Zelle, wo die Leichen der Gestorbenen gelagert wurden. Die Leichen hatte das Lagerkommando vom Männerlager zu beseitigen. Ich kann mich erinnern, dass bei Dr. Vexler einmal Lungen von den sezierten Leichen verschwunden sind.

Amalie Schaich
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1533

Von Andreas Reinhardt, der nicht mit mir verwandt ist, habe ich damals gehört, das er des Nachts beobachtet habe, wie kleine Kinder im offenem Feuer verbrannt wurden. Andreas war ganz verstört und wollte erst gar nicht mit der Sprache heraus. Er war damals 15 Jahre alt und zur Türwache im Block 16 eingeteilt. Er hatte deshalb Gelegenheit, auch des Nachts (sic!) einmal einen Blick hinauszuwerfen. Ich habe ihm das zuerst aber nicht geglaubt und ihn gebeten, mich zu wecken wenn so etwas noch einmal zu sehen wäre. Eines Nachts weckte er mich und ich konnte tatsächlich durch den Türspalt erkennen, wie kleine Kinder von SS-Männern auf brennende Scheiterhaufen geworfen wurden. Es war entsetzlich. Die Kinder schrien und einige versuchten, wieder aus den Flammen herauszukriechen. Da haben sie dann noch Hunde auf die Kinder gehetzt, die sie zerfleischten.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1515

An unserem Block vorbei führten die Schienen direkt ins Krematorium. Der Gestank von verbranntem Menschenfleisch lag schwer und dauernd in der Luft. Von uns bis zum Krematorium waren es ungefähr 200-300 Meter. Dort mussten Männer eine große Grube ausheben. In dieser brannte Feuer. Zuerst wurden die Habseligkeiten dort verbrannt, die nicht mehr verwendbar waren. Als ich wieder einmal Nachtwache hatte, war totale Blocksperre. Ich hörte fürchterliche Schreie. Diese zwangen mich, das Tor zu öffnen, und hinauszuschauen, obwohl ich wusste, dass wenn man mich dabei erwischte (sic!), ich in den Tod musste (sic!). Was ich sah war so schrecklich, dass ich bewusstlos wurde. Man warf Menschen lebend in die Flammen!

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B. 15, S. 62

Der erste Lagerarzt war der SS-Arzt Dr. Adolf (die richtige Schreibweise Benno Adolph). Er war ein anständiger Mensch. Einmal hat Dr. Kotulski einen verdächtigen Fall des Durchfalls gemeldet. Nach der Untersuchung hat es sich erwiesen, dass es sich um Durchfall und Fleckfieber handelt. Dr. Adolf hat befohlen, den Kranken zu isolieren und die Diagnose geheim zu halten. Er war nur sehr kurz in der Funktion des Lagerarztes. Er ist in den Urlaub gefahren (anscheinend hatte er eine Geschlechtskrankheit) und ist nicht mehr zurückgekehrt. Nach Dr. Adolf hat die Funktion des Lagerarztes sehr kurz Dr. Ohrt übernommen und gleich nach ihm Dr. Mengele.

Elisabeth Guttenberger
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1502

Er war einer der gefürchteten Lagerärzte von Auschwitz.

Danuta Szymańska (Markowska)
Häftlingsnummer 43536
APMA-B, Oświadczenia, B. 87, S. 97A

Dr. Mengele war damals ein Mann um die 30 Jahre alt, eher hoch, dunkles Haar, scharfer Blick, das Gesicht eher länglich, ohne Mimik, ein SS- Offizier, der immer elegant aussieht.

Helmut Clemens
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1495

...ich musste für ihn als „Laufbursche“ tätig sein. Daraufhin bekam ich eine Armbinde und war so eine Art Kontrolleur im Krankenbau.

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B. 15, S. 62

In der „Sauna“ (die sich hinter dem Block 32 befand) hatte er sein Arbeitszimmer gehabt, wo er anthropologische- und Blutuntersuchungen an Zwillingen durchgeführt hat.

Helmut Clemens
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1495

In den Regalen standen überall Gläser, in denen sich Organe befanden, Herzen, Gehirne, Augen und andere menschliche Teile.

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B. 15, S. 62

Ich habe für ihn Zwillinge vermessen, habe von ihnen Blut abgenommen und sie untersucht. Ich habe unter seiner Aufsicht gearbeitet. Er hatte kein Vertrauen zu mir. Er unterstellte mir Sabotage und die gezielte Fälschung der Ergebnisse.

Dinah Babbitt (Gottliebova)
Häftlingsnummer 61016
APMA-B, Oświadczenia, B.102, S. 73

Dr. Mengele hat zwei Jungen für seine persönliche Bedienung gehabt. Es waren Zigeuner, die man „Pipel“ nannte. Es waren vor allem junge Männer, die oft - obwohl nicht immer – Objekte der homosexuellen Interessen von verschiedenen Häftlingen waren.

Helmut Clemens
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1495

Ich war auch bei Mengele, wenn er Zwillinge aussuchte für seine Experimente, ich musste sie dann zu ihm bringen, er hat ihnen extra Nummern gegeben. Bei seinen Versuchen durfte ich nicht dabei sein, er hat mich dann immer hinausgeschickt. Einmal aber war ich doch bei ihm im Raum, zufällig, da habe ich gesehen, wie die Kinder irgendeine Flüssigkeit in die Augen bekommen haben, sie bekamen dann riesengroße Augen. Einige Tage später habe ich dieselben Kinder dann tot in der Leichenbaracke gesehen. Solche oder andere Versuche machte Dr. Mengele jeden zweiten oder dritten Tag im Lager.

Elisabeth Guttenberger
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1502

Auch meine Cousinen, die Zwillinge waren, dienten ihm als „Versuchskaninchen“. Nachdem er an ihnen verschiedene Messungen und Injektionen vorgenommen hatte, wurden sie vergaßt.

Helmut Clemens
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1495

Abends musste ich die Leichen, die in einer kleinen Hütte aufgestapelt waren, einzeln herausziehen, die Nummern am Arm notieren und einige zu Dr. Mengele hineintragen. Er hat sie dann irgendwie aufgeschnitten.

Dinah Babbitt (Gottliebova)
Häftlingsnummer 61016
APMA-B, Oświadczenia, B.102, S. 73

Ich wurde zum Arbeitsraum von Dr. Mengele geführt, dort beobachtete ich die Vorbereitungen zum Fotografieren der Zigeuner. Man hat sie in Kleingruppen jeweils zu 6 bis 8 Personen gruppiert. Dr. Mengele war mit den Fotografien der Zigeuner nicht zufrieden. Er wollte ganz natürliche, getreue Abbildungen der Hautfarbe bekommen. Er gab mir ein Fotoalbum und hat befohlen, in die Fotos Einblick zu nehmen und fragte mich, ob ich derart getreue Porträts der Zigeuner machen könnte. Ich habe geantwortet, dass ich es versuchen werde. Ich habe in einem Zimmerchen bei der „Sauna“ gearbeitet, neben dem Büro von Dr. Mengele. Ich habe Karton, Pinsel, Aquarellfarben und zwei Stühle gekriegt. Auf einem Stuhl habe ich gesessen, den zweiten benutzte ich als Staffelei. Die „Modelle“ hat Dr. Mengele gebracht. Es waren am meisten junge Zigeunerfrauen, die eine Gegend oder ein Land repräsentierten. Ich kann mich daran erinnern, dass ich 10 bis 12 Mal ihre Porträts gemacht habe. Einmal musste ich Lippen und Kehle eines kranken Jungen malen. Ich erinnere mich, dass Dr. Mengele mit Gewalt seinen Mund aufgemacht hat. Die Kehle und der Gaumen bei dem Jungen waren ganz schwarz. Diese Krankheit nannte man glaube ich „Gamz“. Ich vermute, dass der Junge gestorben ist, weil Dr. Mengele das Malen abgesagt hatte.

Dr. Mengele hatte auch eine eigene Assistentin. Es war eine junge, gut aussehende Polin, ich glaube, sie hieß Zosia. Sie hat die Hände der von Dr. Mengele ausgewählten Zigeuner mit Äther bestrichen und so ihre Fingerabdrücke auf Papier gebracht. Sie sagte mal zu mir, dass die Zigeuner einmal ihr Äther gestohlen und ausgetrunken hätten. Deshalb musste sie später auf die Flaschen mit Äther sehr genau acht geben. Sie hat auch alle Angaben über die „untersuchten“ Zigeuner notiert: Ergebnisse der anthropologischen Untersuchungen, Ausschnitte der Lippen, der Augen- und Hautfarbe bei einzelnen Körperteilen, usw.

Um die Augen- und Hautfarbe zu bestimmen besaß Dr. Mengele entsprechende Muster. Er hat es an den entsprechenden Platz hingelegt und hat eine Ablesung gemacht. Dr. Mengele interessierte sich sehr für Zigeuner, die zum Beispiel verschiedenfarbige Pupillen hatten, oder verschiedene Schattierungen, z.B. ein blaues und ein braunes Auge.

Ludwika Wierzbicka
Häftlingsnummer 35918
APMA-B, Oświadczenia, B. 87, S. 99

Während meiner Arbeit im Block 30 betreute ich Kinder mit unterschiedlichen Augenfarben, z.B. ein Auge blau und ein anderes hellbraun, usw. Diese Kinder waren immer persönlich bei Dr. Mengele konsultiert, er hat auch befohlen, sie speziell und sorgfältig zu pflegen. An einem Tag hat Dr. Mengele befohlen, diese Kinder aus dem Buch der Kranken auszuschreiben und sie in sein Arbeitslabor zu bringen. Es waren einige Kinder, danach habe ich sie nie mehr gesehen.

Dinah Babbitt (Gottliebova)
Häftlingsnummer 61016
APMA-B, Oświadczenia, B. 102, S. 72-73

Allgemein sagte man, dass Dr. Mengele während der Durchführung der Experimente Materialien für ein Buch gesammelt hat und über die physischen Ähnlichkeiten und Eigenschaften des Körperbaus der Zigeuner, die aus verschiedenen Länder stammten, eine Arbeit geschrieben hat. Ich vermute, dass meine Arbeiten ihm als Illustrationen zu dieser Arbeit dienen sollten.

Danuta Szymańska (Markowska)
Häftlingsnummer  43536
APMA-B, Oświadczenia, B. 87 S. 97a

Es war Frühling 1944. Die Lagerstraße entlang marschierte in Paaren eine Gruppe von Zigeunerkindern aus dem Kindergarten (Kindergarten – ein Heim, der sich in zwei Lagerblocks befand). Beim Anblick von Dr. Mengele liefen manche von diesen Kindern auf ihn zu und haben geschrien: „Onkel, Onkel“. Dr. Mengele sprach mit ihnen und verteilte Bonbons. Seit diesem Moment war ich aufmerksam auf diese Kinder geworden, zumal sie sehr gut ernährt, sauber, schön angezogen, fröhlich und unterhaltsam waren. Ich habe sie getroffen als ich die Lagerstraße entlang spaziergegangen bin und auch im Kindergarten, wo ich mit ihnen gesprochen habe. Es hat mich frappiert, dass ich ab und zu einige Paare von Zwillingen nicht mehr sah, sowie Kinder, die eine verschiedenfarbige Iris hatten. So habe ich den weiblichen Funktionshäftling im Kindergarten gefragt, Helena Hanneman, wo sie sind. Sie hat mir geantwortet, dass sie es nicht weiß, aber ab und zu nimmt Dr. Mengele einige Zwillinge ins Auto mit und befiehlt sie aus dem Buch des Kindergartens zu streichen.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B.13, S. 64, 65

In den Blocks 29 und 31 wurde ein Kindergarten organisiert. Es haben dort 2 weibliche Häftlinge, Polinnen gearbeitet und 4 Zigeunerfrauen. Der Block 29 war für Säuglinge vorgesehen und der Block 31 für Kinder, die schon gehen konnten. Der Kindergarten wurde auf Befehl des Lagerarztes Dr. Mengele errichtet, mit dem Ziel, die Eltern von der Beschäftigung mit den Kindern zu entlasten, damit sie für die Arbeit länger zur Verfügung stehen.

Halina Latowa (Mädchenname: Wysocka)
APMA-B, Oświadczenia, B. 46, S. 2

In der Baracke, zu der ich als Pflegerin zugeteilt wurde, lagen nur Kinder (im Alter von 2 Jahren und ältere), die an Skorbut erkrankt waren. Sie lagen jeweils zu Zweit oder Dritt auf den kleinen Pritschen. Es gab keine Medikamente, es gab sogar kein Wasser. Die Kinder hatten ständig hohes Fieber, trotzdem haben sie immer wieder Milchsuppe bekommen, die die Körpertemperatur noch steigerte und zum Erbrechen führte. Die Jüngsten, die sehr gelitten haben, habe ich auf den Händen getragen, in meinen Händen starben sie. Es wurde den Eltern nicht erlaubt, in den Block für die kranken Kinder hereinzugehen. Sie kamen nicht an die Baracke heran, weil diese von den übrigen Baracken abgesondert war, soweit ich es konnte, habe ich sie über den Zustand der Kinder informiert.

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B. 15, S. 62

In dem Block 30 befand sich der Frauenkrankenbau. Dort arbeitete Dr. Tadeusz Szymański und Dr. Witold Kulesza. Im Block 32  befand sich der Männerkrankenbau. Ich habe die Funktion des Hauptarztes im Block 32 bekommen. Außer mir wurden noch Dr. Ludwik Kotulski und Dr. Adam Przybylski dem Block zugeteilt, der letzte ist im Juli oder im August 1943 gestorben. Die Funktion des Lagerältesten des KBs hat am Anfang der Häftling Mieczysław Jackowski übernommen, und nach ihm Franciszek Gralla, der nach seiner Entlassung aus dem Bunker des Blocks 11 zum Zigeunerlager in Birkenau verlegt wurde.

Halina Latowa (Mädchenname: Wysocka)
APMA-B, Oświadczenia, B. 46, S. 2

Im Zigeunerkrankenbau arbeiteten Ärzte, die auch Häftlinge waren: Diem, Kulesza, Śliwiński, Kopański, Maks, Liberski, Ciemiego und Jabłoński. Der letzte starb an Typhus im Zigeunerlager. Die Ärzte wohnten in einer getrennten Baracke, die von uns die männliche Baracke genannt wurde, sie befand sich auf dem Gelände des Zigeunerlagers.

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B. 15, S. 62

Die Krankenbaublöcke unterschieden sich von den Wohnblocks nicht. An beiden Seiten des Schornsteinluftzuges standen dreistöckige Pritschen. Auf den Pritschen gab es Strohsäcke aus Papier, die mit Stroh oder mit Späne ausgefüllt waren. Auf einer Pritsche lagen 4 bis 10 Personen. Am Ende des Blocks befand sich ein Bretterverschlag, dahinter, an der linken Seite gab es Latrinen, das heißt es standen dort Eimer zum Austragen der Fäkalien. Später, als die Wasserleitung fertig war befanden sich dort Waschräume und eine Latrine.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1515

Im Krankenbau lagen wir alle – wie uns Gott erschaffen - nackt auf den Bettgestellen. Neun bis dreizehn Personen auf einem Gestell. Unten eine Decke, oben eine Decke, das war alles.

Alfred Galewski
APMA-B, Proces Hössa, B. 211, S. 21

Ganz unten gab es keinen Strohsack und keine Bettwäsche, nur nackte Bretter und auf diesen lagen die, die an Durchfall krank waren. Als Hilfskraft zur Krankenpflege arbeitete dort eine Zigeunerin. Es gab fast keine Medikamente, nur ab und zu Tanalbina und Kohle. Es gab auch keine Verbände, so dass die operierten Kranken 14 Tage lang die selben dreckigen und vereiterten Verbände benutzen mussten.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1515

Da es kein Wasser gab, kam es oft vor, dass die fiebernden den Urin tranken. Aus den Kübel, in die wir die Notdurft verrichteten, bekamen wir später das essen. Sie wurden noch vorher ausgewaschen ...

Helmut Clemens
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1495

Den Häftlingen draußen im Lager war es ja verboten, in den Krankenbau zu kommen, anderseits durften auch die Kranken und die anderen, die dort arbeiteten, den Krankenbau nicht verlassen. Ich hatte unter anderem zu kontrollieren, dass kein Häftling den Krankenbau verließ, und das sich keiner verbotenerweise im Krankenbau aufhielt.

Alfred Galewski
PMA-B, Proces Hössa, B. 211, S. 21

Auf Befehl der Deutschen, höchstwahrscheinlich des Lagerarztes, Dr. Mengele hat man alle 4 Wochen eine Desinfektion durchgeführt, mit dem Ziel, den Block, wo sich Zigeuner befanden zu entlausen. Es ist so gelaufen, dass die Kranken auf dem nackten Boden lagen, wobei die Krankenpflegerinnen, die auch Zigeunerinnen waren, die Bretter der Pritschen mit Lysol begossen haben, nachdem sie früher die Decken auf den Boden hinuntergeworfen hatten. Alle Zigeuner ohne Ausnahme und ohne Rücksicht auf den gesundheitlichen Zustand wurden in einer hölzernen Badewanne gewaschen, wo das Wasser zuerst lauwarm und dann kalt war. Die Zeit der Desinfektion dauerte von 8.00 Uhr morgens bis 6.00 Uhr abends und wegen solcher Desinfektion, vor allem wegen des Waschens, starben pro Tag ca. 20 Personen, manchmal sogar 60. Im Zigeunerlager herrschte permanent Krätze. Sie brach im November 1943 aus und verbreitete sich so stark, dass auf Befehl von Dr. Mengele der Block 20 für Kranke mit Krätze eingerichtet wurde. Am Anfang standen keine Mittel zur Heilung der Krätze zur Verfügung, so dass sich die Krätze am ganzen Körper des Kranken verbreitet hat, von kleinen Punkten bis zu den immer größeren Brennpunkten, bis sie den ganzen Körper überzogen hat und große Wunden verursachte. Letztendlich hat man auf Befehl der Deutschen die Heilung der Kranken angeordnet und das bestand darin, dass man 3 Badewannen aus Zement vorbereitet hat, sie standen eine neben der anderen, wo die Kranken in folgender Reihenfolge baden mussten: in der ersten Badewanne badeten die Kranken in dem normalen, heißen Wasser, dann nach einer 5-minutigen Pause kamen sie zu der zweiten Badewanne, wo sich „natrium thiosolphat“ befand, weiter gingen sie zu der dritten, die mit der 4-prozentigen Lösung der Salzsäure erfüllt war. Das letzte Baden verursachte unglaubliche Schmerzen, besonders bei den Kranken mit großen und tiefen Wunden, weshalb die Kranken in die dritte Badewanne nicht reingehen wollten. Deshalb wurden sie auf Befehl der Deutschen mit Schlägen, mit Knüppeln und Peitschen getrieben, was die Krankenpflegerinnen, die Zigeunerinnen waren, auf Befehl der Deutschen und unter ihrer Anwesenheit machen mussten. Die Therapie dauerte 3 Tage, die ganze Prozedur musste 5 mal wiederholt werden. Gute Ergebnisse gab die Therapie nur im leicht entwickelten Stadium der Krankheit. Gewöhnlich gibt es keine Todesfälle bei dieser Krankheit, jedoch hier starben sie fast jeden Tag daran.

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B. 15, S. 62

Gleich nach der ersten Nacht hatte ich Dienst im Entbindungszimmer. Das Entbindungszimmer war ca. 3m x 3m groß. Die Funktion der Hebamme hatte die Zigeunerin Lonia. Die Zigeunerinnen gebaren schnell. Nach der Geburt nahmen sie das Kind mit und kehrten zu ihrem Wohnblock zurück.

Hermine Horvath
Häftlingsnummer Z-7028
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1515

Als die Epidemie war, bekamen wir viel süßen Tee zu trinken. Da es sonst wenig Trinkbares gab, war man darüber sehr erfreut. Mir kam die Sache nicht geheuer vor, denn ich beobachtete, dass alle die viel von dem Getränk zu sich nahmen, am nächsten Tag aufquollen und dann starben. Auch mit den Tabletten war es so. Wer sie nahm starb. Auf dem Krankenbau rettete mir ein polnischer Arzt wiederholt das Leben. Leider kenne ich nur seinen Vornamen, er hieß Bruno. Ich kannte seine Freundin und habe - während sie krank war – für ihn die Wäsche gewaschen. Er brachte mich bei den Selektionen durch, obwohl ich sonst bestimmt ins Gas gekommen wäre. Ich sah sehr schlecht aus und hatte eine riesengroße Phlegmone an der rechten Hüfte. Durch seine Hilfe kam ich immer wieder auf die Seite derer, die am Leben blieben. Ich habe mich damals– ob meines Glücks- vor denen geschämt, die in den Tod gehen mussten. Die Phlegmone war so schmerzhaft, dass ich sterben wollte. Der Arzt operierte mich, öffnete das Geschwulst und redete mir zu, dass ich am Leben bleiben müsse.

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B. 15, S. 6

Im Laufe der Verbreitung der Krankheiten hat man den Krankenbau ausgebaut. Die folgenden Blocks hat man als Krankenbaublocks eingerichtet: 28, 26, 24 und 22. Im Mai 1943 hat man den Block 32 für Kranke mit ansteckenden Krankheiten abgesondert und den Block 28 für Kranke mit inneren Krankheiten.

Ludwika Wierzbicka
Häftlingsnummer 35918
APMA-B, Oświadczenia, B .87, S. 99

Während meiner Arbeit im Block 22 hatte ich in meiner Betreuung kranke Frauen und Kinder mit Noma.

Danuta Szymańska (Markowska)
Häftlingsnummer 43536
APMA-B, Oświadczenia, B. 87, S. 97a

Während der Inspektion im Block 22 interessierte sich Dr. Mengele ausschließlich für die an Noma erkrankten Zigeuner, die man zu der Beschauung aus den Kojen holen musste; sie mussten sich an einen sich durch die ganze Baracke ziehenden Ofen mit Kamin hinsetzen.

Ludwika Wierzbicka
Häftlingsnummer 35918
APMA-B, Oświadczenia, B .87, S. 99

Laut der Verordnung von Dr. Mengele lebten die Kranken in besonders guten Bedingungen, z.B. jeweils drei Personen lagen auf einer Pritsche, sie hatten Bettwäsche, Kissen mit Heu und sie mussten gepflegt werden, wie in einer Klinik: z.B. die Haare mussten gekämmt und geschnitten werden und die Fingernagel und Zehennagel geschnitten werden - das hat Dr. Mengele auch persönlich kontrolliert. Sie hatten auch spezielle Medikamente bekommen. Diese Arzneien hatten keine Wirkung, die Kranken starben sowieso an diese schreckliche Krankheit.

Danuta Szymańska (Markowska)
Häftlingsnummer 43536
APMA-B, Oświadczenia, B. 87, S. 97a

In dem Krankheitsprozess des Wasserkrebs (Noma) kommt es zur Abnahme des weichen Gewebes der Wangen sowie der Kieferknochen und des Zahnfleisches, so dass die Zähnen ganz sichtbar werden. Trotz des abschreckenden Aussehens und des üblen Gestanks der verfaulten Wangen hat Dr. Mengele die Zigeuner genau angeschaut, hat Fotos von den Wangen gemacht oder auch einem Häftling, der Maler war, befohlen die Gesichter dieser Kranken zu zeichnen.

Ludwika Wierzbicka
Häftlingsnummer 35918
APMA-B, Oświadczenia B .87, S. 99

Im Winter 1943/44 hat Dr. Mengele befohlen, in unserem Block eine spezielle Küche für die Noma-Kranken einzurichten. Sie haben für die Lagerbedingungen ungewöhnliches Essen bekommen: weißes Brot, Butter, Süßigkeiten, Fleisch und Gemüse. Der Zustand der Kranken, die dieses Diätessen bekommen haben hat sich verbessert, die Löcher in den Wangen haben sich nicht mehr vergrößert, sondern eher verkleinert und vernarbt.

Danuta Szymańska (Markowska)
Häftlingsnummer 43536
APMA-B, Oświadczenia B. 87, S. 97a

Als ihr gesundheitlicher Zustand sich verbessert hat, hat er befohlen, sie auf die anderen Betten zu verlegen und ihnen das Diätessen nicht mehr zu geben. In dieser Situation hat sich der gesundheitliche Zustand sofort verschlechtert, die Löcher in den Wangen haben sich wieder geöffnet. Dann fotografierte Dr. Mengele wieder diese Kranken und nachdem er ihre Krankheitskarteien mitgenommen hatte, hat er befohlen, sie zu seinem „Arbeitsraum“ zu bringen. Die Kranken, die zu dem „Arbeitsraum“ geführt wurden kehrten meistens nicht mehr zum Block 22 zurück. Ich habe sie auch unter den Zigeunern in den Lagerbaracken nicht mehr gesehen.

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B. 15, S. 62

Am 12. Mai 1943 hat mir Fr. Gralla empfohlen, Dr. Kotulski mitzunehmen und eine Übersicht der neu zugegangenen Zigeuner zu machen, die im Block 11 und 13 einquartiert wurden. Es war ein Transport polnischer Zigeuner aus Białystok und ein Transport von Zigeuner aus Österreich. In einem Block haben wir nichts bemerkt, jedoch in dem anderen habe ich festgestellt, dass es dort Kranke gibt. Ich habe ihnen befohlen, die Zungen zu zeigen und sich auszuziehen. 16 von ihnen hatten einen Hautausschlag. Nach der Beendigung der Beschauung habe ich mich bei Fr. Gralla gemeldet und habe gesagt, dass ich bei 16 Personen Fleckfieber festgestellt habe. Wir gingen noch gemeinsam mit Gralla zu ihnen und er hat meine Diagnose bestätigt. Am Nachmittag haben wir dem Lagerarzt Dr. Mengele Bericht erstattet, der eine Lagersperre angeordnet hat, sowie die Isolierung der Neuzugänge und Verlegung der Kranken zum Block 32. Die Epidemie von Fleckfieber stieg. Im Block 32 hatte ich über 800 Kranke. Am 25. Mai hat man wieder Lagersperre angeordnet. Zum Block 32 kam gemeinsam mit den SS-Männern Dr. Mengele. Zu dem Block fuhren Lastkraftwagen. Im Block hat man nur die kranken Zigeuner deutscher Nationalität gelassen. Alle anderen - es gab ca. 800 - hat man auf die Wagen „geladen“ und zur Gaskammer abtransportiert.

Jan Czeszpiwa
AIPN
Sygn. NTN, 110, S. 33

Die Zigeunermütter, die in ein paar Tagen gebären sollten, wurden künstlich mit Fleckfieber infiziert, um sich zu überzeugen, ob der Mutterkuchen wie eine Barriere gegen die Erreger wirken kann und das Kind gesund geboren wird, oder ob keine derartige Barriere besteht und das Kind auch mit Fleckfieber infiziert wird. Ich war bei der Geburt von allen diesen Frauen. Sie gebaren bei 40 Grad Fieber in unzulänglichen hygienischen Bedingungen. Man hat 86 solche Experimente gemacht. Alle diesen Frauen und Kinder wurden getötet.

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B. 15, S. 62

Im Sommer 1943 erkrankte Dr. Mengele auch an Fleckfieber. Die Funktion des Lagerarztes hat Dr. Thilo übernommen und weiter Dr. von Falkenstein. Es war ein anständiger Mensch. Nach der Übernahme der Funktion hat er das ganze Ärztepersonal gesammelt und sagte, dass er uns wie Kollegen betrachten wird, jedoch bei den anderen SS-Männern muss er Distanz zu uns beibehalten. Er war nur kurz Lagerarzt. Nach ihm hat die Funktion ein rumänischer Volksdeutscher übernommen, Dr. Klein, als er aus dem Krematorium strömendes Feuer gesehen hat, hat er uns gefragt, woher dieses Feuer kommt? Er war mit der Erklärung, was er von uns gehört hat sehr überrascht. Er hat auch nach der Sterblichkeit gefragt. Im frühen Frühling 1944 hat die Funktion des Lagerarztes wieder Dr. Mengele übernommen und sie bis zu Ende beibehalten.

Rudolf Höss
„Kommandant in Auschwitz”
Martin Broszat, dtv, München 1963, S. 162f

Es kam der RFSS-Besuch im Juli 1942. Ich zeigte ihm das Zigeunerlager eingehend. Er sah sich alles gründlich an, sah die vollgestopften Wohnbaracken, die ungenügenden hygienischen Verhältnisse, die vollbelegten Krankenbaracken, sah die Seuchenkranken, sah die Kinderseuche Noma. Er hörte die Sterblichkeitsziffern, die, gesehen am Gesamtlager, noch relativ niedrig waren. Doch die Kindersterblichkeit war außerordentlich hoch. Ich glaube nicht, dass von den Neugeborenen viele die erste Woche überstanden haben. Er sah alles genau und wirklichkeitsgetreu – und gab uns den Befehl sie zu vernichten, nachdem die Arbeitsfähigen wie bei den Juden ausgesucht.

Aloise Blumaier
Häftlingsnummer Z – 1199
„Pro Memoria”, Nr 10, Januar 1999, S. 93

Nach dem Abendappell wurden wir vor ein Gebäude gefahren, wo sich Gaskammern und Krematorien befanden. Man ließ uns warten. Wir standen dort die ganze Nacht. Die Frauen schrien und umarmten ihre Kinder, die gleich getötet werden sollten. Ich weinte nicht, weil ich vor Angst total erstarrt war. Ich stand da mit starren, aber trockenen Augen, wie tot. Gegen Morgen wurden wir in die Baracke zurückgefahren. Warum – weiß ich bis heute nicht. Vermutlich entgingen wir dem Tod, weil der Befehl kam, einen Teil der Arbeitsfähigen Häftlinge in andere Konzentrationslager einzuliefern.

Alfred Gajewski
Häftlingsnummer 151599
AIPN, Sygn. NTN 83

Anfang Juli 1944 hat man Zigeuner, die im Alter von 16 bis 28 Jahre alt waren und die arbeitsfähig waren ausgewählt und sie nach Deutschland zur Arbeit geschickt. Mitte Juli hat man wieder Männer, Frauen und Kinder ausgewählt, deren nächste Verwandte wie Vater, Bruder, Ehemann usw. in der deutschen Armee gedient haben und sie auch nach Deutschland zur Arbeit geschickt.

Franz Wirbel
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1540

In den letzten Tagen des Juli 1944 wurden wir vor der Auflösung des „Zigeunerlagers Auschwitz-Birkenau“ in Arbeitsfähige und ehemalige Wehrmachtsangehörige selektiert. Die Wehrmachtsangehörigen durften ihre Frauen und Kinder mitnehmen, ich wurde zu den Arbeitsfähigen eingestuft. [...], mit dem Trick der SS, dass die im Zigeunerlager [...] Zurückgebliebenen sehen konnten, dass wir noch am Leben sind. Ihnen hatten die SS – Leute nämlich gesagt: „Da könnt ihr jetzt eure Angehörigen sehen, die fahren jetzt nach Hindenburg und bauen für euch ein Lager mit besseren Baracken und sanitären Einrichtungen.“

Rudolf Weisskopf
APMA-B, Oświadczenia, B. 69, S. 158

Am 31. Juli 1944 frühmorgens hat man den Einwohnern des Lagers mittels der Blockführer mitgeteilt, dass ein Arbeitstransport organisiert wird und dass alle jungen, arbeitsfähigen Männer und Frauen sich zu dem Transport melden können. „Ihr werdet in besseren Bedingungen leben, ihr werdet arbeiten und größere Essensportionen bekommen, es wird euch besser gehen!“ Sofort haben sich einige hundert Zigeuner gemeldet. Nach weiterer Überzeugungsarbeit der Blockführer und familiärer Beratung stieg diese Zahl noch. Von denen, die sich gemeldet haben wurde zuerst vor dem Block eine Liste aufgestellt. Es waren insgesamt ca. 3000.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B. 13, S. 71

Ende Juli 1944 kam zu mir der Lagerführer und sagte zu mir, dass die Liquidierung der noch am Leben gebliebenen Zigeuner beschlossen ist, man kann nichts weiter für die Zigeuner mehr tun und dass er selbst an dieser Aktion nicht teilnehmen will. Er hat mir mitgeteilt, dass er am Tag vor der Liquidierungsaktion sich im Krankenbau als krank melden wird und seine Abwesenheit soll ein Zeichen für die Vernichtung der übrigen Zigeuner sein. Am 31. Juli hat uns der Lagerführer mitgeteilt, dass er sich zum Krankenbau meldet.

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B.15, S. 69

Am 01. August 1944 gab es in dem Zigeunerlager noch ca. 5000 Personen, unter ihnen vorwiegend Frauen, Kinder und ältere Menschen. Es gab auch einige junge Männer, die ihre Familien nicht verlassen wollten.

Am 01. August 1944 um 14.00 Uhr hat man an der Bahnrampe einen langen Güterzug aufgestellt, von der südlichen Seite grenzte sie an das Zigeunerlager. Weiter hat man Zigeuner aus Auschwitz 2 gebracht und sie an den Güterzug von der Seite des Lagers antreten lassen. Die Zigeuner begannen zum Stacheldraht zu fliehen. Damals hat ein Häftling namens Brachmann Willy, der damals die Funktion des Lagerältesten hatte alle polnischen Funktionshäftlinge zusammengerufen und ihnen befohlen, eine Absperrkette zu bilden, an der Umzäunung entlang, um die sich nähernden Zigeuner wegzujagen. Als man fertig mit dem „Aufladen“ der Zigeuner in die an der Rampe stehenden Viehwagons war, stürzte Dr. Mengele laut schreiend in das Zigeunerlager und befahl den Funktionshäftlingen, sich vom Stacheldraht zu entfernen, damit sich die Zigeuner verabschieden können.

Rudolf Weisskopf
APMA-B, Oświadczenia, B. 69, S. 158

Die Schiebetür blieb offen. Der Zug stand an der Rampe einige Stunden lang, die Zigeuner konnten ganz nah an den Stacheldraht herangehen, niemand hat es ihnen verboten. Durch den Stacheldraht konnte man Flaschen mit Wasser den Wegfahrenden überreichen, Brotstücke oder Kleidung. Der Abschied zog sich ins Unendliche.

Amalie Schaich
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1534

[...], da hat mein Schwesterle beim Abschied gesagt: „Du gehst und wir werden verbrannt.“ Das waren die letzten Worte, die ich von ihr hörte.

Rudolf Weisskopf
APMA-B, Oświadczenia, B. 69, S. 158

Letztendlich um 15.00 Uhr haben die SS-Leute die Wagontüre zugemacht, noch der letzte kurze Abschied von den Bewohnern des Lagers und der Zug fuhr ab und verschwand hinter der ersten Kurve. Die elektrischen Warnlampen wurden wieder angemacht, sowie der Strom in der Umzäunung.

Amalie Schaich
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1529

Den Dr. Mengele, der die Transporte zusammenstellte, habe ich noch gefragt, ob ich nicht bei meinen kleineren Geschwistern bleiben dürfte. Er erwiderte, dass ich zu alt dazu wäre und zum Arbeitseinsatz müsste. Darauf habe ich gefragt: „Und was passiert mit den Kindern von Mulfingen?“ Da hat er wortwörtlich gesagt: „Die kommen wieder zurück in´s Kinderheim.“ Und ich hab' ihm das geglaubt.

Tadeusz Śnieszko
APMA-B, Oświadczenia, B.15, S. 69

Nach dem Abendappel befahl Dr. Mengele, allen polnischen Ärzten und Krankenpflegern auszutreten. Wir wurden zum Männerlager BIId geführt und in die Strafkompanie eingegliedert. Im Zigeunerlager blieben nur jüdische Ärzte.

Marian Perski
APMA-B, Oświadczenia B. 61,S. 200

Nach dem Abendappel fuhren in das Zigeunerlager mit dem Lastkraftwagen die SS-Leute samt dem Sonderkommando von ca. 20 Juden, die an den Fenstern und Eingangstüren aller noch bewohnten Baracken, Bretter überkreuzt angenagelt haben, damit niemand rausgehen kann.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B. 13, S.72

Im Zigeunerlager wurde Blocksperre angeordnet.

Marian Perski
APMA-B, Oświadczenia B. 61,S. 200

Als es dunkel war, kamen ca. 8 Lastkraftwagen.

Dr. Med. Rudolf Vitek
APMA-B, Oświadczenia, B. 33

Ins Lager fuhr eine lange Kolonne Lastwagen herein und eine mit Automaten bewaffnete Truppe von Soldaten auf Motorrädern. Gleichzeitig kam ins Lager eine Horde der stockbetrunkenen, wild brüllenden SS-Männern, die sich wie Bewusstlose verhalten haben.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B. 13, S.72

In das Zigeunerlager kamen der SS-Oberscharführer Clausen, der Leiter dieser Aktion war, der SS-Unterscharfführer Buntrock, der den Bonigut vertreten hat und der SS-Unterscharfführer Kurpanik, der die Funktion des Rapportführers im Lager BIId hatte, weiter der SS-Mann Wolf, der Blockführer in dem Lager BIId war und 10 SS-Männer aus der angefahrenen Eskorte sowie 50 Juden, die im Sonderkommando gearbeitet haben. Der Rest der SS-Eskorte blieb außerhalb des Lagers.

Dr. Med. Rudolf Vitek
APMA-B, Oświadczenia, B. 33

Die bewaffneten Truppen der wilden Mörder brachen in die Blocks hinein. Die Blutsüchtigen begannen wie Wölfe fürchterlich die Zigeuner zu schlagen, die schwachen Männer und die weinenden Frauen; sie schlugen aus den Händen der Erwachsenen die vor Erschrecken schreienden Kinder und warfen sie auf die stehenden Lastwagen, um die Erwachsenen dazu zu zwingen, auf die Plattformen der Lastkraftwagen hinaufzusteigen. Die Zigeuner haben versucht, sich zu wehren, die SS- Männer zerrten sie hin und her unter schrecklichem Geschrei, ordinären Flüchen und Schimpfworten; Sie schlugen die Zigeuner blindlings, mit schweren Stöcken, Peitschen und schieben sie in die Wagen. Überall beaufsichtigten diese Menge die schreienden Blockältesten. Es war eine wirkliche Hölle.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B. 13, S.72

Das Sonderkommando kam in den Block herein und jagte alle Zigeuner hinaus. Bei der Eingangstür des Blocks standen Kurpanik und noch ein SS-Mann und ich als Rapportschreiber des Zigeunerlagers und Rapportschreiber des Lagers BIId. Es wurde jedem von uns befohlen, die Hinausgehenden zu zählen. Wir haben gezählt, jeder für sich. Wir gingen der Reihe nach von Block zu Block.

Józef Piwko
APMA-B, Oświadczenia, B. 46, S. 28

Man hörte den Pfiff, die Flüche in verschiedenen Sprachen, das Weinen, das Geschrei. Ab und zu fiel ein Schuss von dem Revolver. Die wehrlosen Zigeuner widersetzten sich, flohen zwischen den Blocks, versteckten sich in den Baracken. Die, die sich widersetzten wurden geschlagen und mit Fußtritten gnadenlos behandelt.

Dr. Med. Rudolf Vitek
APMA-B, Oświadczenia, B. 33

Der erste beladene Lastkraftwagen fuhr ab, er wurde von der Patrouille der SS-Männern eskortiert, mit den Motorrädern und mit Gewehren, die bereit zum Schießen waren. In dem ganzen Lager herrschte eine unheimliche Panik. Alle schrien und weinten, die Frauen rissen ihre Haare aus, die Kinder weinten heftig. Die Frauen verlieren vom Schreien ihre Stimme und röchelten nur, bissen, schlugen blindlings um sich herum und kratzten, jedoch waren sie gegenüber den bedrohlichen und vom Alkohol berauschten Männern ratlos. In diesem höllischen Tumult schleppte man sie heraus und warf sie auf die Wagen.

Marian Perski
APMA-B, Oświadczenia, B. 61, S. 200

Die Wagen kehrten mehrmals zurück. Höchstwahrscheinlich, wie ich gehört habe, nachdem sich die Zigeuner die Lage erkannt haben, warfen sie sich auf die SS-Männer, die nach den Waffen gegriffen haben, weil wir von der Ferne die Schreie und den Widerhall der Schüsse gehört hatten.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia

Während dieser Aktion hat sich bei Dr. Mengele eine Deutsche mit 5 Kindern gemeldet. 3 Ihr Ehemann war Zigeuner. Dr. Mengele hat ihr befohlen, zu dem Block zu gehen, wo sich früher der Kindergarten befand und er hat ihr versichert, dass er es nicht erlaubt, sie mitzunehmen. Als zu dem Block des Kindergartens das Sonderkommando kam, hat die Deutsche ihnen mitgeteilt, dass sie den Block nicht verlassen wird, weil sie Deutsche ist und eine Genehmigung von Dr. Mengele bekommen hat, hier gemeinsam mit Kindern zu bleiben. Sofort hat man es weiter an Clausen geleitet. Clausen kam in den Block des Kindegartens und befahl der Deutschen die Kinder wegzugeben, weil es Kinder eines Zigeuners sind, ihr selbst jedoch hat er das Leben zugesichert. Sie hat diesen Vorschlag nicht in Anspruch genommen und gemeinsam mit den Kindern wurde sie aus der Baracke hinausgeführt und zu der Gruppe der Zigeuner eingereiht.

Helmut Clemens
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1496

Meine Schwester hatte schon zuvor Mengele gebeten, falls sie alle vergast werden sollten, sollte er die beiden Kinder erschießen. Ich war da schon nicht mehr in Auschwitz, es wurde mir erst viel später, nach dem Krieg, erzählt, die beiden Kinder sollten ja auch vergast werden. Sie haben sich dann versteckt, aber sie sind gefunden worden, und ein SS-Mann hat sie dann auf einen Lastwagen geworfen. Meine Schwester hat das gesehen, sie hat einen Schuh ausgezogen und damit auf den SS-Mann eingeschlagen. Daraufhin hat Mengele meine Schwester mit einer Pistole erschossen.

Anna Chomicz
APMA-B, Oświadczenia, B.75, S.7

Wir haben aus dem Abschnitt BIa die Kolonnen der Zigeuner gesehen, die zur Vernichtung durch die Abschnitte BIIc und BIId geführt wurden sowie durch die Hauptlagerstraße zwischen den Abschnitten BIId-f und BIb Richtung Krematorium II und III. Von der Seite der Kolonnen kamen schreckliche Schreie.

Alfred Gajewski
Häftlingsnummer 151599
AIPN, Sygn. NTN 83

Kurz nach Mitternacht war die Aktion zu Ende, weil das ganze Zigeunerlager entleert wurde.

Rudolf Höss
„Kommandant in Auschwitz”
Martin Broszat, dtv, München 1963, S. 160f

Es war nicht leicht, sie in die Kammern hineinzubekommen. Ich selbst habe es nicht gesehen, doch Schwarzhuber sagte mir, dass keine Judenvernichtung bisher so schwierig gewesen sei, und ihm sei es besonders schwer geworden, da er sie fast alle genau kannte und in einem guten Verhältnis zu ihnen stand. Denn in ihrer ganzen Art waren sie eigentlich zutraulich wie Kinder.

Leon Weintraub
AIPN, Sygn. NTN 126

Ich habe gesehen, wie sie in die Gaskammer getrieben wurden, am Anfang ein paar Hundert auf einmal. Ich habe die SS-Wachmannschaften mit Hunden gesehen und die Häftlinge, die Helfer dabei waren, bei dem Ausladen der Häftlinge vom Transport zu Krematorien I, II und III. Einige kamen ins Krematorium IV. Dann habe ich ein Auto mit den SS-Offizieren und Zivilgekleidete gesehen, als sie ankamen, sie haben ca. 20 Frauen ausgewählt von einigen Tausend beim Krematorium IV. Zwanzig Frauen blieben auf dem Hof vor dem Krematorium. Diese Hunderte von Menschen wurden in die Gaskammer gesetzt, in der selben Zeit haben sie ca. 20 Frauen zu dem zweiten Teil des Krematoriums geführt und statt sie zu vergasen, wurden sie durch die SS-Wachmannschaft erschossen. Diese getöteten Frauen blieben auf dem Fussboden des Krematoriums. Das Blut, das von einigen abgenommen wurde sowie verschiedene Körperteile, die von ihrem Körper herausgeschnitten wurden, alles das haben sie in die Koffer reingesteckt und sind wegefahren. 4

Dr. Med. Rudolf Vitek
APMA-B, Oświadczenia, S. 36

Zwei kleine Zigeunermädchen, die vom höllischen Lärm erschrocken waren haben sich auf der höchsten Pritsche versteckt, unter einem Strohsack. Die scharfen Blicke der betrunkenen Verbrecher haben sie nicht erblickt. Irgendein Kapo fand eine erwachsene Zigeunerin, die sich in dem Schlammfang versteckt hat. Vor Schrecken zitternd verbrachte sie in dem unglaublichen Gestank die ganze Nacht. Der Kapo hat sie mit Gewalt aus dem Versteck rausgeholt. Nach einer Weile kam ein kleiner Militärsanitätswagen mit dem Roten Kreuz auf dem Dach und an den Seiten. Der Sanitäter hat die letzten Zigeunerinnen mitgenommen. Der Sanitätswagen fuhr Richtung Krematorium ab.

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B. 13, S. 71

Während der Liquidierungsaktion nahm Dr. Mengele in den Wagen die Zigeunerkinder – die Zwillinge, an denen er seine Experimente durchgeführt hat und brachte sie in das Stammlager Auschwitz I.

Leon Weintraub
AIPN, Sygn. NTN 126

Ich habe dunkelrote Flammen gesehen, die drei Meter hoch aus den Schornsteinen schossen. Der Gestank von dem brennenden Fleisch war sehr stark und er lag in der Luft - den ganzen Tag lang. Die Verbrennung von allen nahm ca. 3 Stunden Zeit in Anspruch.

Dr. Med. Rudolf Vitek
APMA-B, Oświadczenia, S.33

Vergebens haben wir versucht einzuschlafen. Die Grabstille um uns herum in solch einem lärmenden Lager war etwas besonderes.

Rudolf Höss
„Kommandant in Auschwitz”
Martin Broszat, dtv, München 1963, S. 160f

Wie viel Zigeuner bzw. Mischlinge in Auschwitz waren, kann ich nicht mehr sagen. Ich weiß nur, dass sie den Abschnitt, für 10 000 berechnet, voll besetzt hatten. Nun waren aber die Verhältnisse in Birkenau alles andere – nur nicht für ein Familienlager geeignet. Es fehlten jegliche Voraussetzungen, wenn man beabsichtigte, diese Zigeuner nur für die Dauer des Krieges aufzubewahren.

Elisabeth Guttenberger
„Gedenkbuch Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau”
PMO u. K.G. Saur, 1993, S. 1503

Von den dreißigtausend Sinti und Roma, die nach Auschwitz deportiert wurden, überlebten nur ungefähr dreitausend das Lager. Die Kenntnis dieser Zahlen erbrachte meine Arbeit in der Schreibstube. 5

Tadeusz Joachimowski
Häftlingsnummer 3720
APMA-B, Oświadczenia, B. 13, S. 71

In vier Tage nach der Liquidierung der Zigeuner, der Häftling Bruchwalski Erich meldete bei Dr. Mengele, dass er eine Zigeunerin versteckt hat und hat ihn gebeten, ihr Leben zu retten. Dr. Mengele hat ihm versprochen, sie zu dem Frauenlager zu verlegen. Demnächst ruf er einen SS-Mann und hat befohlen, sie in die Gaskammer zu bringen.
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1 Distrophia alimentaris = Hungerkrankheit

2 Am 23. Mai 1944 in den Blocks 9 und 10 des Stammlagers in Auschwitz I wurden 1408 Zigeuner und Zigeunerinnen einquartiert, die aus dem Familienlager für Zigeuner in Birkenau ausgewählt wurden. Am 2. August wurden sie nach Birkenau geführt, wo an der Rampe auf sie ein Güterzug gewartet hat. Vor dem Abtransport nach Buchenwald durch den Stacheldraht haben sie sich von ihren Nächsten verabschiedet, die im Familienlager für Zigeuner eingesperrt waren.

3 Es ging bestimmt um die Deutsche namens Helena Hanneman, die sich im Zigeunerlager befand, samt den 5 Kindern, die sie in der Ehe mit einem Zigeuner hatte.

4 Höchstwahrscheinlich wurden das Blut und die herausgeschnittenen aus den Leichen Körperteile für die Bedürfnisse des Hygiene-Institutes der SS in Rajsko zur Verfügung gestellt.

5 Von 30 Tausend der nach Auschwitz transportierten Zigeuner wurden tatsächlich ca. 21 Tausend registriert, 2 Tausend wurden ohne Eintrag in die Lagerevidenz vernichtet.



Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 14. Juli 2010 um 09:51 Uhr
 
"Niech inni nie będą dla nas obcy"

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Warsztaty z młodzieżą oświęcimską w Międzynarodowym Domu Spotkań Młodzieży w ramach obchodów Europejskiego Tygodnia Walki z Rasizmem w Oświęcimiu

W ogólnoeuropejskie obchody Europejskiego Tygodnia Walki z Rasizmem włączy się w tym roku młodzież z Oświęcimia, w ramach dwudniowych warsztatów “Niech inni nie będą dla nas obcy”.

 

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 30. November 2009 um 14:15 Uhr
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Fortbildungsseminare 2005

„Podstawy kształcenia historyczno-politycznego w Miejscach Pamięci”
Projekt dla wolontariuszy pracujących w Miejscach Pamięci w Polsce i Czechach

11. – 13.02.2005, Jugendbildungstätte Werftpfuhl koło Berlina
„Praca pedagogiczna w Miejscach Pamięci – aktualne problemy”
Seminarium dla opiekunów grup przyjeżdżają− cych do Polski w ramach podróży studyjnych – projekt dla pedagogów


12. – 28.02.2005, RPA
„Lekcja z przeszłości – Problem rasizmu we współpracy międzynarodowej”
Projekt dla multiplikatorów


17. – 29.04.2005, MDSM Oświęcim
„Nauka poprzez spotkanie”
Polsko-niemiecka wymiana młodzieży z Volkswagenem


29.05. – 02.06.2005, Warszawa
„Sposoby percepcji zbrodni narodowego socjalizmu w Polsce i w Niemczech”
Konferencja dla pedagogów – część III


16. – 23.07.2005, MDSM Oświęcim
„Praca edukacyjna z grupami polsko-niemieckimi w Miejscu Pamięci”
Polsko-niemieckie spotkanie nauczycieli i multiplikatorów


15. – 18.09.2005, MDSM Oświęcim
„Pedagogika polsko-niemieckich spotkań młodzieżowych”
Szkolenie dla multiplikatorów


grudzień 2005, Oświęcim, Kraków,
Warszawa (cz. I), Jerozolima (cz. II)
„Polsko-izraelska wymiana młodzieży”
Konferencja dla pedagogów


Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 01. Dezember 2009 um 14:25 Uhr
 
Gespräche über die Toleranz

Die Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim, Jüdisches Zentrum in Oświęcim und Verein „Nie wieder“ – Gruppe Oświęcim initiierten 2003 das langfristige Projekt der öffentlichen Bildung in der Stadt Oświęcim – Gespräche über die Toleranz.

In der Einladung zum Eröffnungsvortrag im November 2003 haben die Organisatoren geschrieben:

Oświęcim ist und bleibt für immer ein besonderer Ort. Am Rande der in das Dritte Reich eingegliederten Stadt haben die Nationalsozialisten das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau eingerichtet. Hier fand die traumatische Katastrophe für die Menschheit statt – der Holocaust an den Juden, der Völkermord an Polen, Sinti und Roma, sowjetischen Kriegsgefangenen und Vertretern der anderen Nationen. Diese tragische Fakten bleiben immer ein immanenter Teil der Geschichte der Stadt Oświęcim.

In der Bemühung um die Gestaltung einer toleranten Gemeinschaft in der gegenwärtigen Stadt Oświęcim wird die Bildung immer die Schlüsselrolle spielen – sowohl der Jugendlichen als auch der Erwachsenen. Im Bewusstsein dessen, dass wir Einfluss auf unsere Umgebung ausüben können – wir, die Bürger der Stadt Oświęcim – MitarbeiterInnen der Bildungseinrichtungen, Medien und NGOs, wollen wir uns im Prozess der Selbstbildung engagieren. Die Ideen der Versöhnung zwischen den Nationen, des Dialogs, der gegenseitigen Hochachtung, der Toleranz und Offenheit den nationalen, ethnischen, religiösen und gesellschaftlichen Minderheiten gegenüber wollen wir den Kindern und Jugendlichen vermitteln, sie werden nachhaltig bleiben, wenn sie auf Wissen beruhen.

Unser Zyklus Gespräche über die Toleranz, der eine gemeinsame Initiative einiger Oświęcimer Institutionen ist und in den Grundsätzen langfristig geplant ist, konzentriert sich auf die Gegenwart und Praxis des Alltags, jedoch immer im Kontext der vergangenen Ereignisse.

Das erste Treffen im Rahmen des Zyklus wurde von dem Gedenken an die Ereignisse des 9. Novembers 1938, der sog. „Kristallnacht“ inspiriert. Zum Gespräch zum Thema „Antisemitismus heute. Fakten und Mythen“ haben wir Dr. Jolanta Ambrosewicz-Jacobs (Institut der Europäischen Studien, Krakau) eingeladen.

Das nächste Treffen unter dem Titel „Auch wir sind die Anderen“ richtete sich vor allem an die LehrerInnen der Oświęcimer Schulen und wurde von Prof. Barbara Weigl (Hochschule für Soziale Psychologie) geleitet. Das Treffen wurde den nationalen und ethnischen Minderheiten in Polen sowie dem Programm der interkulturellen Bildung in den Schulen gewidmet.

Das dritte Treffen hatte zum Ziel, den Einwohnern der Stadt Oświęcim die Idee, Symbolik und Rolle des March of the Living in den Bildungsprogrammen des heutigen Israels näher zu bringen. Zur Diskussion haben wir Michał Sobelman, den Sprecher der Israelischen Botschaft in Warschau eingeladen.

Im Februar 2005 hat unsere Einladung Dr. Sergiusz Kowalski, Soziologe und Publizist, Mitarbeiter des Institutes für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN) und Mitbegründer des Vereines gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit „Otwarta Rzeczpospolita“ angenommen. Die Workshops und die öffentliche Debatte konzentrierten sich auf die im Jahre 2003 herausgegebene Publikation „Zamiast procesu. Raport o mowie nienawiści”.

Das Treffen mit Prof. Dr hab. Andrzej Zoll, dem Ombudsmann für bürgerliche Rechte kreiste um die Fragestellung „Ob die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und gegenwärtiges Oświęcim eine besondere Stelle in der Mission des Ombudsmann für bürgerliche Rechte einnimmt?“

 

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Zuletzt aktualisiert am Montag, den 30. November 2009 um 14:18 Uhr
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Projektbeschreibung
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Die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs sind für immer Bestandteil der Geschichte des neuzeitlichen Europas. Der deutsche Völkermord hat die Geschichte der Stadt Oświęcim dauerhaft gezeichnet. Gerade deshalb sollten die Erinnerung an und die Achtung vor den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgungen die Einwohner der Stadt und die Kommunalverwaltung dazu bewegen, aus dem heutigen Oświęcim die Antithese von Auschwitz zu machen, ein internationales Bildungs- und Begegnungszentrum für Frieden, Toleranz und Aussöhnung der Kulturen. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die Bildung.
In vielen polnischen Städten bedecken Graffitis Fassaden, Zäune, Verkehrszeichen und Brückenpfeiler: Parolen, Zeichen, Symbole, Bilder. Freihändig gezeichnet oder unter Verwendung zuvor angefertigter Schablonen, differenziert in Formgebung und Inhalt, sind sie verborgenes Material für grundsätzliche Überlegungen über die Gesellschaft und Kultur der Gegenwart. Unter den Graffitis allgegenwärtig sind Zeichen und Parolen, die Feindlichkeit ausdrücken - Aufschriften und Symbole rassistischen Inhalts. Die negativen und sogar feindlichen Bedeutungen der Symbole und Parolen stoßen im städtischen Raum auf Gleichgültigkeit. Die aggressive Haltung des Verfassers ist ebenso wie die Teilnahmslosigkeit des Lesers Symptom einer gesellschaftlichen Entfremdung.
Das Projekt „Mauern sprechen“ soll aktiv gegen diese Toleranz gegenüber der Verbreitung von Hass auftreten. Die Initiative, die sich an Gymnasiasten aus Oświęcim und Umgebung richtet, soll auf das Vorhandensein nationalsozialistischer und rassistischer Symbole im öffentlichen Raum der Stadt aufmerksam machen und Widerspruch dagegen wecken, dass Inhalte dieser Art toleriert werden. Die seitens der Projektorganisatoren angebotenen Workshops lehrten die Jugendlichen, sich dem Hass aktiv entgegenzustellen und versetzte sie in die Lage, Antisemitismus zu analysieren. Denn der Kampf gegen die „Sprache des Hasses“ muss damit begonnen werden, ihren Ursprung kennen zu lernen.

In der ersten Phase des Projektes waren die Jugendlichen dazu aufgefordert, eine fotografische Dokumentation über nationalsozialistische und rassistisch Symbole und Parolen im öffentlichen Raum der Stadt Oświęcim anzufertigen. Die Fotografien von rassistischen Parolen und Symbolen, mit Angaben über das Datum und den Ort, an dem das Foto aufgenommen wurde, und versehen mit einer kurze Notiz des Fotografen (warum war es mir wichtig öffentlich auf dieses Symbol/ diese Parole aufmerksam zu machen?) sollten im Zuge des späteren Workshops analysiert werden.
Öffentliche Debatte
Die Materialsammlung, die die Hassparolen und -symbole an den Mauern der Stadt dokumentierte, wurde zum Auslöser für eine öffentliche Debatte, die auch die im heutigen Polen verbreitetet Toleranz gegenüber solcher Zeichen als Thema aufgriff. Die Diskussion wurde auf Internetportalen geführt und vorangetrieben. Ebenfalls im Internet bemühte man sich, eine Vorgehensweise zu entwickeln, wie bei der Beseitigung rassistischer Aufschriften von Fassaden vorgegangen werden könnte.

Im Rahmen eines vierteiligen Workshopszyklus analysierten die Jugendlichen die fotografisch dokumentierten Symbole und Parolen. Dabei sollte ein vertieftes Wissen zum Thema Rassismus und Antisemitismus sowie darüber, wie die Sprache eine Gesellschaft, z.B. durch rassistische Botschaften, beeinflusst, die Jugendlichen dazu befähigen, einen kritischen Blick auf die gesellschaftliche Realität zu werfen und bewusst Stellung zu beziehen („es ist mir gleichgültig….“ oder „es ist mit nicht gleichgültig, dass die Mauern in Oświęcim mit Hasssymbolen und rassistischen Parolen bedeckt sind“). Zudem sollte ihnen ermöglicht werden, sich an konkreten Maßnahmen für eine offene Gesellschaft zu beteiligen, z.B. an einer Bürgerlobby gegen rassistische Symbole.
Der erste Teil der Workshops thematisierte nationalsozialistische Parolen und Symbole. Das Seminar stützte sich dabei auf den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Vor diesem historischen Hintergrund waren die Jugendlichen dazu aufgefordert, die nationalsozialistische Propaganda zu analysieren, deren Elemente, wie Theorien von einem geheimen Feind oder Spion und Mythen bezüglich der Juden oder Roma, trotz der Zeit, die seither verstrichen ist, weiterhin in der Gesellschaft existent sind. Die Jugendlichen lernten, auf solche Inhalte zu reagieren, indem sie Protestbriefe schrieben, lokale Aktionen initiierten und mit Medien zusammenarbeiteten.
Im zweiten Workshop vermittelten Trainer das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation. Die Jugendlichen lernten, Gefühle zu diagnostizieren und auszudrücken sowie Verantwortung für ihre eigenen Gefühle zu übernehmen. Sie übten negative Sprachbotschaften anzuhören und mit einer positiven aktionsbezogenen Sprache zu reagieren, um sich so auf die aktive Unterstützung der demokratischen Gesellschaft vorzubereiten. Der Schwerpunk des Workshops lag also auf der Entwicklung von Durchsetzungsvermögen und einer toleranten Haltung.
Beim dritten Teil des Workshops stand die Kulturanthropologie Pate. Es wurde versucht eine kulturelle Analyse der „Sprache der Mauern“ vorzunehmen. Die Workshopteilnehmer setzten sich mit gesellschaftlichen Aspekten von Antisemitismus, Rassismus und Ausschließung auseinander. Zudem versuchten sie, die versteckten anonymen, rassistischen oder antisemitischen Botschaften der „Sprache der Wände“ zu enthüllen und zu verstehen.
Der letzte Teil des Workshopzyklus war dem Gedenken in der Kunst gewidmet. Der Vortrag des Akademikers und Künstlers Rafał Jakubowicz beschäftigte sich mit Kunstwerken – Malerei, Denkmälern, Anti-Denkmälern, Installationen und Filmen in der Konvention eines Dokumentes – die sich mit der Problematik der Judenvernichtung auseinandersetzen. Die Jugendlichen standen dem Vortrag, als Form eines Workshops, distanziert gegenüber, wie die Evaluation, die am Ende des Projektes durchgeführt wurde, zeigte.

Für die Durchführung des Projektes konnten viele externe Akteure gewonnen werden: Der Künstler Rafał Jakubowicz, Beata Machul-Telus, Autorin des „Landesweiten Programms gegen Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und damit verbundener Intoleranz 2004-2009“, die internationale Trainergruppe und Vertreter der Gesellschaft der Roma in Polen –Joanna Talewicz-Kwiatkowska und Daniel Bartłomowicz.
Didaktischer Text
Das Projekt macht auf die Zeugnisse des Hasses aufmerksam, die auf den Mauern der polnischen Städte zu finden sind. Obwohl Oświęcim ein Ort von besonderer historischer Bedeutung ist, liegt die Ursache für die nationalsozialistischen und rassistischen Parolen im öffentlichen Raum der Stadt in demselben Hass begründet, der auch an anderen Orten des Landes die Quelle für Aggressionen, Intoleranz und Antisemitismus ist. Es ist deshalb außergewöhnlich wichtig, auf das tolerierte Vorhandensein der Zeichen und Botschaften des Hasses im Alltag der polnischen Städte aufmerksam zu machen. Das Böse, dass darin Ausdruck findet, ist umso gefährlicher, als es als unwichtig unterschätzt wird.
Im Zuge des Projektes lernen Jugendliche, dass der öffentliche Raum einen gemeinsamen Wert der lokalen Gemeinschaft darstellt und deshalb vor Hass oder Intoleranz in jeder Gestalt geschützt werden muss. Indem sie Formen gesellschaftlicher Aktivität in ihrem Umfeld kennen lernen, werden die Jugendlichen ermuntert, lokale Aktionen zu initiieren. Die Übungen nach dem Konzept der Gewaltfreien Kommunikation ermöglichen eine Verbesserung der Beziehungen unter den Jugendlichen.
Übersetzung: Thekla Lange www.lernen-aus-der-geschichte.de

Projektkonzeption und Koordination: Katarzyna Nowak

Projektparnter:
Verein „Nie wieder“ www.nigdywiecej.org
British Council www.britishcouncil.org.pl
Jüdsiches Zentrum in Oświęcim/Auschwitz www.ajcf.pl
Internationale Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz

Bibliografie:

  • Kendziorek, Piotr: Antysemityzm a społeczeństwo mieszczańskie [Antisemitismus und Stadtbevölkerung]. Warszawa: 2005
  • Cała, Alina (Hg.): Antysemityzm w badaniach krajowych i zagranicznych ostatnich lat [Antisemitismus in polnischen und ausländischen Untersuchungen der letzten Jahre]. Warszawa: 1993
  • Krzemiński, Ireneusz (Hg.): Antysemityzm w Polsce i na Ukrainie: raport z badań [Antisemitismus in Polen und der Ukraine: Ein Forschungsbericht]. Warszawa: 2004
  • Pankowski, Rafał: Rasizm a kultura popularna [Rassismus und Populärkultur]. Warszawa: 2006

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 15. Juli 2010 um 19:36 Uhr
 
Workshops
Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 19. April 2005 um 01:00 Uhr
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Konferencja - czerwiec 2010

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